Bröslige Erwartungen

3. Jänner 2011, 17:06
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Es liegt an der Jahreszeit, dass wir in diesen Tagen mit Rück- und Vorblicken in die Tiefen der Zeit sowie mit profunden Einblicken in deren und des Menschen Wesen zugedeckt wurden

Es liegt an der Jahreszeit, dass wir in diesen Tagen mit Rück- und Vorblicken in die Tiefen der Zeit sowie mit profunden Einblicken in deren und des Menschen Wesen zugedeckt wurden. Wie tief bei solchen Gelegenheiten die Sonden der Erkenntnis vorgetrieben werden, bis sie auf den Widerstand des Unerkennbaren stoßen, hängt von den jeweiligen seherischen Qualitäten ab. Marga Swoboda etwa gab sich in der "Krone bunt" mit einer relativ kurzen Perspektive zufrieden, als sie Lichtblicke im Jännerloch schweifen ließ. Der Winter und das alte Jahr haben mich bröslig gemacht. Gedankendunkel und das Gefühl, der Jänner sei kaum zu packen. Aber dann, sie weiß selbst nicht wie, habe ich diese Gedanken unterbrochen. Ein harter Selbstversuch. Geht doch!

Und das kam so: Die Welt nahm Gestalt an. Und mit ihr auch die Gedanken, die ein dumpfer ängstlich-bedrückter Brei gewesen waren, nachzulesen täglich im Hauptblatt. Mensch, sagte ich mir, so schlimm kann das alles doch nicht werden. Das Jännerloch, ein Engpass da oder dort, aber: Da muss man eben durch. Was heißt: Da WILL ich durch! Das abwinkende Jahr hatte in meinem Kopf-Film plötzlich mehr Licht als Schatten. Also: Willkommen 2011.

Rudolf Burger bröslig zu machen, ist weder dem Winter noch dem alten Jahr gelungen. Er rubriziert seit vielen Jahren unter unbequemer Intellektueller, diesmal als einer, der mit seinen Thesen oft aneckt (in den "Salzburger Nachrichten"), beziehungsweise als einer der letzten unbequemen Intellektuellen in Österreich (im "Kurier"). Wie die "SN" nicht vergessen haben, musste er zur Strafe dafür, die Proteste gegen Schwarz-Blau als "antifaschistischen Karneval" bezeichnet zu haben, an den "Philosophischen Mittagessen" von Kanzler Schüssel teilnehmen, was nicht verhindern konnte, dass Katzenjammer der schwarz-blauen Philosophen bis heute anhält.

In alter Frische verkündete er im "Kurier" zum Thema Prognosen, "es wäre fürchterlich, die Zukunft vorauszusehen" - was weniger unbequem und mehr die Beschwörung einer Gefahr war, die ohnehin nicht droht. Da waren die Leser der "Salzburger Nachrichten" anders bedient, denen er es unter dem Titel Die erbärmliche Ästhetik des Staats deutlich unbequemer besorgte, indem er das Fürchterliche, das er den "Kurier"-Lesern vier Tage später ersparen wollte, wenn schon nicht als Prognose, so doch als Erwartung aus dem Sack ließ. Ich erwarte in ganz Europa eine Erosionskrise. Keinen Umsturz, aber eine zunehmende Erosion der Legitimität politischer Herrschaft und politischer Strukturen. Das ist ein sich selbst beschleunigender Prozess. Früher gingen junge, ehrgeizige, hungrige Männer in die Politik. Heute gehen sie in die Banken und in die Fonds. Zur Erosionskrise, die Burger erst erwartet, hat der beste Finanzminister des schwarz-blauen Karnevals schon vor den "Philosophischen Mittagessen" nicht wenig beigetragen, als er zunächst jung in die Politik ging, dann ehrgeizig in eine Bank, um erst danach unfreiwillig erkennen zu lassen, wie hungrig er schon in der Politik gewesen war.

Das mit der Erosionskrise erforderte eine Präzisierung. Vielleicht braut sich da etwas zusammen - es gibt die "furchtbare Ursprünglichkeit der Tatsachen", wie Tocqueville gesagt hat (Tocqueville ist immer gut!) -, und der Staat zerfällt wieder in die Länder; in der EU ist das ja nicht auszuschließen. Oder wir werden langsam zum Sizilien Deutschlands. Zum Glück ist es Burger selber, der im "Kurier" Trost bereithält angesichts der Lust an der schlechten Prognose für die Welt, je besser es uns geht: Man muss sie nicht so ernst nehmen und kann sich trotzdem fürchten. Ein gewendeter Filzmaier. Der will ohne Furcht ernst genommen werden. Und das täglich.

Also Glück. Die "Kleine Zeitung" wollte sich mit der landläufigen Meinung, wonach das Glück ein Vogerl ist, nicht zufriedengeben. Sie stellte einem Professor Alfred Bellebaum die Frage, die Marga Swoboda ebenso luzide beantwortet hätte, von Burger ganz zu schweigen: Warum kann das Glück, das sich alle wünschen, auch zur Tretmühle werden? Bellebaum hat leider keinen Tocqueville parat. So meint er: Man kann nicht ununterbrochen ein Fest feiern. Wer immer auf höchstem Konsumniveau lebt, wird es leid und kommt in eine Tretmühle. Schön, dass so vielen Österreichern dieses Leid erspart bleibt. Bellebaum ist emeritierter Soziologe in Siegen. Im Frühjahr erscheinen seine neuesten Forschungen über Missmut. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 4. Jänner, 2011)

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