Was hinter der Windregel steckt

2. Jänner 2011, 17:52
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Abgedroschenheit eines Satzes, Dank der TV-Stationen, Hinweis des Renndirektors

Garmisch-Partenkirchen - Die abgedroschenen Sätze im Skisprungsport sind sonder Zahl, einer aber toppt alle anderen. "Es ist halt", so lautet er, "ein Freiluftsport." Springer, Trainer und Funktionäre bemühen ihn stets dann, wenn sie sich ein Ergebnis anders nicht erklären können. Und solange sich nicht Katar um eine Nordische WM bewirbt, wird der Tatsache (Freiluft) nicht restlos beizukommen sein. Doch der internationale Skiverband (Fis) gibt sich Mühe. Ihm geht es vor allem darum, den übertragenden TV-Stationen möglichst hohe Terminsicherheit zu geben. Wenn man Wettkämpfe als "fairer" verkaufen kann, umso besser.

So mag sich die vielen unerklärliche Einführung der Windregel erklären. Seit Saisonbeginn ist sie Usus im Weltcup. Ein kompliziertes Punktesystem rechnet Windbedingungen an der Schanze, Anlauflänge und Sprungweite mit ein. Am Ende und wohl nur in der Theorie ergeben zwei exakt gleich gute Sprünge unter unterschiedlichen Voraussetzungen auch dieselbe Punkteanzahl. Für Aufwind werden einem Springer Punkte abgezogen, für Rückenwind werden ihm Punkte addiert.

Nicht zuletzt lässt sich, wenn sich die Bedingungen ändern, an der Anlauflänge während eines Durchgangs drehen, ohne dass jene Springer, die ihren Versuch schon absolvierten, "nachspringen" müssen. Die neue Regel hilft also, Verzögerungen zu vermeiden. Die TV-Sender bedanken sich, Fans von Anna und die Liebe oder was auch immer einem Skispringen folgt, kommen garantiert auf ihre Rechnung. Das Problem: Für den Zuschauer im Stadion und vor dem TV-Gerät ist es schwieriger geworden, den Sieger zu erkennen oder zumindest zu erahnen. Schließlich kann nun, wenn der Anlauf verkürzt wurde oder der Wind dreht, ein vergleichsweise kurzer Sprung sehr wohl zum Erfolg reichen.

Fis-Renndirektor Walter Hofer hält fest: "Ohne neue Regel hätten wir zwei von vier Wettkämpfen in Skandinavien nicht gehabt." Als Andreas Kofler im ersten Engelberg-Springen "zu guten Wind" hatte und von Thomas Morgenstern besiegt wurde, der drei Meter kürzer sprang, regte sich im ÖSV niemand auf. Kein Vergleich mit Garmisch. Nur eines war wie immer. "Es ist halt ein Freiluftsport", hat Kofler gesagt. (fri, DER STANDARD Printausgabe 03.01.2010)

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