Wachsende soziale Kluft größte Sorge der Österreicher

2. Jänner 2011, 17:51
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Fast 90 Prozent fürchten Verschlechterung bei Pensionen und Absicherung

Linz - Das Auseinanderdriften von Arm und Reich bereitet den Österreichern das größte Kopfzerbrechen: Dies fand das Linzer Market-Institut in einer Umfrage im Auftrag des Standard über die Erwartungen ans neue Jahr heraus. 34 Prozent bereitet es "große Sorge", dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden könnte, weitere 55 Prozent beschäftigt diese Frage immer noch in nennenswertem Ausmaß. Damit zeigt sich ein Anstieg um acht Prozentpunkte in den vergangenen drei Jahren.

Zunehmend befürchtet werden auch Verschlechterungen der sozialen Absicherung (plus 15 Prozentpunkte seit 2007) und des Pensionssystems (plus 17 Prozentpunkte): Beinahe 90 Prozent zählen sich zu den Besorgten, nur elf Prozent lässt das Thema kalt. Drei Viertel der Österreicher plagen Abstiegsängste: 50 Prozent machen sich etwas Sorgen, 24 Prozent sogar große Sorgen um die Erhaltung ihres Wohlstands.

Angst um ihren Arbeitsplatz hingegen haben nur 16 Prozent. Und trotz all ihrer Sorgen gaben 72 Prozent der Befragten an, mit Zuversicht und Optimismus ins neue Jahr zu blicken.

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Mit mehreren Fragen hat das Linzer Market-Institut im Dezember versucht, die Sorgen und Erwartungen der Österreicher für das Jahr 2011 zu erkunden. Dabei zeigt sich: Die Einschätzungen der eigenen Arbeitsplatzsicherheit sind ganz ähnlich wie bei Vergleichsumfragen vor Ausbruch der Wirtschaftskrise.

Die Grafik eröffnet eine deutliche Vergleichsmöglichkeit: Arbeitsplatzsorgen sind etwa so (wenig) ausgeprägt wie im Vor-Krisenwinter 2007. Damals wie heute bekunden 55 Prozent der Befragten, keine Sorge um den Job zu haben. 29 Prozent haben etwas Sorge und 16 Prozent große Sorge.

In einer anderen Fragestellung kommt die für den Standard erstellte Market-Umfrage zu einem noch klareren Ergebnis. Hier wurden die Berufstätigen gefragt, ob sie es für wahrscheinlich halten, dass der eigene Arbeitsplatz im Jahr 2011 erhalten bleibt - darauf sagten sogar 60 Prozent, dass sie das für sehr wahrscheinlich hielten. Nur vier Prozent halten es für sehr wahrscheinlich, dass sie ihren Job verlieren.

Die Umfrage zeigt auch, dass in den drei Krisenjahren seit der Vergleichsumfrage die soziale Sensibilität zugenommen hat - nur elf Prozent der Österreicher lässt dieses Thema kalt, für 34 Prozent hat es hohe Priorität.

der Standard ließ auch fragen, ob die Österreicher es für wahrscheinlich halten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner wird - Fehlanzeige: 43 Prozent halten das für völlig unwahrscheinlich.

Allerdings: Von denen, die hohe Bildung haben und die gut verdienen, sagt etwa jeder Fünfte, dass ihm die Kluft zwischen den Armen und den Reichen (zu denen er wohl selber gehört) keine Probleme bereitet.

Mehrheit hat Abstiegsängste

Die Befragten dieser Kategorie machen sich auch die geringsten Sorgen um die Erhaltung ihres Lebensstandards. Insgesamt haben die Ängste gerade in diesem Bereich besonders zugenommen, konstatiert Market-Chef Werner Beutelmeyer: Drei Viertel der Österreicher machen sich etwas (50 Prozent) oder gar große (24 Prozent) Sorgen um die Erhaltung ihres Wohlstands. Und das, obwohl die Befragten in derselben Umfrage zu 72 Prozent angegeben haben, dass sie mit Zuversicht und Optimismus ins neue Jahr blicken. Gleichzeitig sagen 17 Prozent, doppelt so viele wie bei einer anderen Umfrage 2005, dass sie es für sehr wahrscheinlich halten, dass der eigene Lebensstandard steigen wird.

Zweifel am Pensionssystem

Stark zugenommen hat allerdings die Sorge um das Pensionssystem - 86 Prozent bewegt das mehr oder weniger stark. Damit hängt eine weitere Frage zusammen: Halten die Österreicher es für wahrscheinlich, dass die Zahl der Frühpensionierungen zurückgeht? Zwei Drittel - so viele wie nie zuvor - sagen, dass das ziemlich (42 Prozent) oder gänzlich (22 Prozent) unwahrscheinlich wäre.

Unverändert hoch ist die Erwartung, dass Österreich von Terroranschlägen verschont bleiben wird - das halten 73 Prozent (etwas weniger als zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts) für mehr oder weniger sicher. Insgesamt liest Beutelmeyer aus den Daten eine hohe Erwartung für die öffentliche Sicherheit: Dass deren Stand erhalten bleibt, halten 31 Prozent für sehr, 40 Prozent für ziemlich wahrscheinlich.

Weitere Erwartungen der Österreicher:

  • Dass Umweltthemen an Bedeutung gewinnen, gilt 14 Prozent als sehr, weiteren 38 Prozent als ziemlich wahrscheinlich.
  • Eine ähnlich knappe Mehrheit findet die Erwartung, dass mehr Jugendliche eine Lehrstelle finden - 19 Prozent sehen das als sehr, weitere 37 Prozent als ziemlich wahrscheinlich an.
  • Mehr Geburten in Österreich werden von 15 Prozent für ganz unwahrscheinlich, von 47 Prozent für ziemlich unwahrscheinlich gehalten.
  • Weniger Asylsuchende halten zwei Drittel für mehr oder weniger unwahrscheinlich.
  • Mehr als zwei Drittel der Österreicher halten für unwahrscheinlich, dass es im neuen Jahr weniger Krisen und Kriege geben wird. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2011)
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