Filme und Serien 2010: Die Favoriten der Redaktion

30. Dezember 2010, 13:09
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Frankreich dominiert zahlenmäßig bei den Filmen, US-Produktionen bei den Serien


Ekkehard Knörer

  • Uncle Boonmee (Apichatopong Weerasethakul, Thailand 2010)
    Die Grenzen sind immer schon überschritten in Apichatpong Weerasethakuls Cannes-Gewinner Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben: Landesgrenzen, Genregrenzen, die Grenzen zwischen Mensch und Tier und Leben und Tod. Das heißt nicht, dass diese Grenzen verschwinden, dass sie ihre Bedeutung verlieren, dass man wissen kann, wie man unbeschadet von der einen Seite auf die andere kommt. Der Film setzt es einfach ins Werk, lässt es geschehen und geschehen sein. Er lehrt das Leben und das Sterben, nein, er lehrt, dass man beides nicht lernen kann, aber anblicken lehrt er es mit den Feueraugen eines zottigen Wesens.
  • Les herbes folles (Alain Resnais, Frankreich 2009)
    Nicht um bella figura geht es Alain Resnais hier, sondern um die Kunst absonderlicher Bewegung. Silly walks und komische Sprünge von Geschichte und Kamera, und die Farben sind seltsam nicht weniger als das Licht. Ein Mann, eine Frau, noch eine Frau, noch eine Frau, und ein Flugzeug. Begehren als Willensakt, Willensakt ohne Grund, Grund ohne Boden, im Boden das Wildgras, nicht mal ein Trampelpfad. Herbes folles bewegt sich vorwärts, rückwärts, seitwärts und in Richtungen, die kein Kompass verzeichnet. Er macht Schluss und dann weiter. Man lacht und weint und tut andere Dinge. Ein Film, der über Begriffe geht wie über Leichen.
  • Villa Amalia (Benoit Jacquot, Frankreich 2009)
    Freiheit der anderen Art: die Freiheit, kurzen Prozess zu machen mit sich und dem bisherigen Leben. Ann Hidden alias Eliane Hidelstein alias Isabelle Huppert ist eine Komponistin und Pianistin, die das Klavier zuklappt und davoneilt irgendwohin. Von ihrem Mann trennt sie sich, ihre Sachen verbrennt sie, die Mutter lässt sie im Stich. Über die Berge, ein fremder Mann in ihrem Bett; Abreise und Ankunft einer Seele, die Ruhe sucht und sie findet in einer Villa über dem Meer. Jede Frage danach, was man von alledem halten soll, prallt ab an Huppert aus geschmeidigem Stein, an der Musik aus kühlen Scherben, an der Abruptheit im Schnitt dieses Films, der wie seine Heldin weiß, was er nicht will.
  • Serie: Rubicon (1. und letzte Staffel, AMC)
    Eine Serie, die als Kreuzworträtsel beginnt und sich dann in ihre Figuren verbeißt. Alles Geheimnis ist Oberfläche und die eigentlichen Abenteuer liegen nicht im Terror, der analysiert wird, sondern in Dialogsätzen, die stockend, glatt, rasend, übermütig, vorsichtig, tückisch, lauernd zwischen sequitur und non sequitur harren, springen und gleiten. Selten waren plot points so wenig der Punkt, das vorgebliche Thema so wenig der Gegenstand und die Metapher der Zwiebel, die man schält, ohne an einen Kern zu gelangen, so passend wie in Rubicon. Beste neue Serie 2010, tollster Darsteller Michael Christofer aka Truxton Spangler. Und dann nach einer Saison wieder eingestellt. Die Zombies sind schuld.

Bert Rebhandl

  • The Fantastic Mr. Fox (Wes Anderson) USA 2009
    Nach einer Geschichte von Roald Dahl hat Wes Anderson seinen ersten Animationsfilm gemacht, in Stop-Motion-Technik, in vielerlei Hinsicht ziemlich old school: Der Fuchs, der nach oben will und sich in der besseren Wohnung mit Familie dann erst recht wieder einbuddelt, ist eine der lustigsten und belastbarsten Allegorien der letzten Zeit: auf alles, was verkehrt läuft in der Welt der Effizienz, und auf alle Wunschenergien, denen die eigene Natur in die Quere kommt.
  • Kinatay + Lola (Brillante Mendoza) Philippinen 2009
    Zwei Mal Leben und Sterben in Manila: Das grauenhafte Schicksal einer entführten Prostituierten sehen wir in Kinatay durch die Augen eines jungen Polizisten, der am Tag seiner Hochzeit eine Reise ins Herz der Finsternis antreten muss. Und gleich danach erzählte Brillante Mendoza in Lola die Geschichte zweier alter Frauen, die durch einen Mord aufeinander verwiesen werden. Zwei Parabeln über eine Gesellschaft mit schwachen Institutionen und einem Gemeinsinn der Improvisation.
  • Des hommes et des dieux / Von Menschen und Göttern (Xavier Bauvois) F 2010
    Sieben christliche Mönche in Algerien müssen sich angesichts der Gefahr eines islamistischen Anschlags entscheiden, ob sie an dem Ort bleiben wollen, an den sie sich berufen fühlen. Das Drama läuft auf den vielleicht einzig legitimierbaren Begriff von Religion hinaus: als kategoriale Differenz zu jeder Politik und als Überantwortung des eigenen Lebens an eine höhere Macht, von der kein Film (und keine irdische Macht) entscheiden kann, ob und in welcher Gestalt sie existiert. Dass damit auch die entscheidende kritische Differenz zu jedem Fundamentalismus (der sich Verfügungsgewalt über das Leben anmaßt) markiert wird, versteht sich dann schon fast von selbst. Ich mag den Film von Beauvois auch deswegen so sehr, weil er mich dazu veranlasst hat, mir Léon Morin, prêtre (1961) von Jean-Pierre Melville wieder anzusehen.
  • Serie: Glee, Season 1+2 (Ian Brennan, Brad Falchuk, Ryan Murphy) USA 2009-2010
    Das Subgenre der High-School-Komödie trifft auf das Prinzip Casting Show, das Ergebnis ist eine tolle Mischung aus Serie und Seifenoper, in der sich ein neuer Mainstream der Minderheiten für die USA herausbildet: An einer Schule in Ohio bildet der "Glee Club", also die Neigungsgruppe Show, Gesang und Tanz, eine kulturell und sexuell gemischte Außenseiterbande mit diversen Handicaps, deren Mitglieder, von den Cheerleader-Girls und von den Football-Jocks verachtet und gedemütigt, sich in der Darbietung von Pophadern aus allen Richtungen (von Madonna bis Kiss) immer wieder neu verstehen lernen. Mit Jane Lynch in der besten Serienrolle seit George Costanza.

Simon Rothöhler

  • Le père de mes enfants (Mia Hansen-Løve) F 2009
    Ein wirklich schöner Film ist Le père de mes enfants für mich nicht zuletzt deshalb, weil er gerade kein ehrfürchtiges "Denkmal" für den legendären Produzenten Humbert Balsan errichtet, sondern sich durchaus frei oder besser: gelöst und beweglich zu dessen Leben verhält. Ein Mann, der sich nicht in seinem Büro einschließt und erhängt, sondern in einer Bewegung au trottoir aus dem Leben geht. Wenn die ältere Tochter (Alice de Lencquesaing, siehe L'heure d'été) in einem Pariser Café altersgerecht überfordert auf "Heiße Schokolade" umschwenkt und dabei über sich selbst lächeln muss, wüsste ich jetzt erstmal keine klügere Coming of Age-Szene im Kino der letzten Jahre. (Plus: Johnny Remember me!)
  • Im Schatten (Thomas Arslan) D 2010
    Ein Berliner Neo-Noir, ein Stadtfilm, ein Autofilm, der selbst den Hauptbahnhof nochmals überraschend zu perspektivieren versteht. Das topographische Wissen dieses Films verbindet sich anstrengungslos mit einem glasklaren Verständnis der Erzählformen und Gesten der Genreüberlieferung. Völlig transparent und doch nicht funktionslos arbeit sich der Drive dieses Genres in zahllosen Autofahrten durch den urbanen Raum. Das alles ist, wie immer bei Arslan, visuell fast übergenau in Szene gesetzt; eine "fotografische" Ästhetik, die im Rhythmus der Stadt pulsiert.
  • Carlos (Olivier Assayas) F/D 2010
    Carlos ist alles andere als ein klassisches Bio-Pic: Ein so fulminanter wie akribisch recherchierter Actiongeschichtsfilm, der ohne Pausetaste und mit viel historiographischer Intelligenz durch eine Epoche des internationalen Terrorismus stürmt, die mit der Zäsur von 1989 ihre weltpolitische Matrix eingebüßt hat. Für Assayas ist Carlos weniger ein psychologisch aufzuschlüsselndes Subjekt, als ein Prisma, in dem sich diese Epoche bricht und bis ins Heute reflektiert.
  • Serie: Eastbound & Down, Season 2 (Jody Hill, David Gordon Green, Danny McBride) USA 2010
    Ein abgehalfterter Ex-Baseball-Star mit einem epischen Mullet; eine vollkommen durchkonstruierte Kunstfigur, die uns doch immer wieder Versatzstücke psychologischer Plausibilität hinhält. In der zweiten Staffel wird der "Real American" erst zum Cockfighter, dann zum letzten Mexikaner; soviel post-chauvinistische Erlösung muss sein. Wenn es derzeit einen großen amerikanischen Schauspieler gibt, dann heißt er eher Danny McBride als Daniel Day Lewis. Um es mit Bob Segers zu sagen: Kenny Powers, No one's gotten to you yet

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  • Statistischer Sieger der CARGO-Redaktionscharts: Apichatpong Weerasethakuls  Uncle Boonmee
Ausführlicheres siehe unter 
CARGO-Rating Jahresliste 2010
    foto: stadkino

    Statistischer Sieger der CARGO-Redaktionscharts: Apichatpong Weerasethakuls  Uncle Boonmee

    Ausführlicheres siehe unter CARGO-Rating Jahresliste 2010

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