Studie: Österreichs Medizin-Primärversorgung dürftig

29. Dezember 2010, 11:15
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Reihung nach Vergleichskriterien - Rang 10 unter 14 Staaten - Zu wenig niedergelassene Ärzte

Wien - Gesundheitsexperten kritisieren regelmäßig, dass in Österreich im Gesundheitswesen zu viel im Spital geschieht, dafür zu wenig an medizinischer Versorgung im niedergelassenen Bereich erfolgt. Eine neue Untersuchung bezüglich des Stellenwerts von "Primary Care", also der Versorgung bei niedergelassenen Ärzten (speziell bei Allgemeinmedizinern), gibt dieser Ansicht recht. Österreich belegt hier Rang 10 unter 14 Staaten, so die Master-Arbeit von Florian Stigler, auch Generalsekretär der Initiative "Junge Allgemeinmedizin Österreich".

"Die Ergebnisse waren erschreckend. Von 30 möglichen Punkten konnte Österreich gerade einmal sieben erreichen. Unter den 14 untersuchten Industrieländern nahm Österreich damit den zehnten Rang ein und wurde als 'low primary care'-Land klassifiziert. Unter anderem, weil es bei uns nicht Standard ist, dass man bei Beschwerden zuerst seinen Hausarzt aufsucht, weil allgemeinmedizinische (Universitäts-)Institute gerade erst am Entstehen sind, und ganz einfach, weil es in Österreich zuwenige Allgemeinmediziner gibt", erklärte Stigler zu seiner Master-Arbeit für Public Health (Sozialmedizin) an der MedUni von Manchester in Großbritannien.

Hohe Versorgungsdichte bei Spitälern

Die Diskussionen ob "mehr Spital" oder "mehr Versorgung im niedergelassenen Bereich" werden gesundheitspolitisch derzeit in vielen Staaten heftig geführt. Österreich nimmt da im internationalen Vergleich (gemeinsam z.B. mit Deutschland und Japan) eine Sonderstellung ein. Fast 40 Prozent der Gesundheitsausgaben betreffen die Krankenhäuser. Mit 6,4 Akutbetten pro 1.000 Einwohner liegt Österreich deutlich über dem EU-15-Durchschnitt (3,8). Während dort die Finanzierung zum Gutteil aus Steuergeldern (Bundesländer, Gemeinden, Anm.) kommt, klagen die sozialen Krankenkassen, die für den niedergelassenen Bereich zuständig sind, seit Jahren über Finanznot.

So sieht, laut Stigler, auch die medizinische Basisversorgung der österreichischen Patienten aus. Der Arzt untersuchte den Zustand der Primärversorgung in Österreich nach einem von der US-Expertin Barbara Starfield (Johns Hopkins Universität/Baltimore) entwickelten System, bei dem in 15 Kategorien - von der Finanzierung bis zur Art, wie Patienten die Angebote des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen - jeweils Null bis zwei Punkte zu vergeben sind. Die Ratings wurden von fünf österreichischen Experten erstellt und von Barbara Starfield bestätigt.

Das Ergebnis: Österreich kam unter 14 Staaten nur auf Rang 10 und reihte sich mit Belgien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten in der Gruppe der Staaten ein, welche der Primärversorgung im medizinischen Bereich wenig Platz einräumen. In mittlerer Position sind beispielsweise Australien, Kanada, Japan und Schweden, in vorderster Reihe Dänemark, Finnland, die Niederlande, Spanien und Großbritannien.

Zu wenig Allgemeinärzte

Einen wesentlichen Anteil daran dürfte auch ein Mangel an für die Versorgung der Allgemeinheit via Kassenverträge tätigen Allgemeinmedizinern in Österreich haben. In Österreich sind rund 39.000 Ärzte gemeldet, davon 8.500 Kassenärzte - etwa 4.200 Allgemeinmediziner und etwa 4.100 Fachärzte. Stigler: "Der Anteil der Allgemeinmediziner an der Zahl aller Ärzte dürfte, wenn man die Turnusärzte und die Stationsärzte in den Krankenhäusern abzieht, nur 17,5 Prozent betragen. International gesehen wäre ein Anteil von 30 Prozent 'moderat', es wird ein Anteil von 50 Prozent empfohlen."

Laut dem Verfasser der Master-Arbeit kann die Situation sogar massive gesundheitliche Nachteile für die Österreicher bedingen: "Eine sicherlich auch bestreitbare Hochrechnung, die auf Studien aus den USA und England beruht, hat für Österreich ergeben, dass 800 zusätzliche Allgemeinmediziner jährlich rund 4.000 Todesfälle verhindern könnten. Es gilt wissenschaftlich als anerkannt, dass Allgemeinmediziner zur Gesundheit der Bevölkerung beitragen und dabei erhebliche Kosten sparen können. Das könnte uns nicht nur in Zeiten des 'Sparpakets' weiterhelfen." (APA)

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