"Kleine Revolution" für Muslime, made in Austria

21. Dezember 2010, 11:48
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Aleviten werden Bekenntnisgemeinschaft - Nun fordert die "zweite" islamische Gemeinde einen eigenen Religionsunterricht

Wien - Für Rüdiger Lohlker, Islamwissenschafter an der Uni Wien, ist es eine "kleine Revolution" - geeignet, den "sonst monolithischen" Blick auf den Islam in Europa "ein wenig auszudifferenzieren". Mit der Anerkennung der Islamisch-Alevitischen Glaubensgemeinschaft als religiöse "Bekenntnisgemeinschaft" durch das Kulturministerium vor einer Woche "macht Österreich ein bisschen Geschichte", meint er.

Keine Alleinvertretung mehr

Denn die Aleviten - Angehörige einer im 13. und 14. Jahrhundert in Anatolien entstandenen Religionsgemeinschaft, die Mann und Frau als gleichberechtigt ansieht, zum Teil säkulare Züge aufweist und in der Türkei Einschränkungen ausgesetzt ist - sind nunmehr die zweite in Österreich staatlich anerkannte muslimische Glaubensrichtung: Die von Anas Shakfeh geleitete Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ) ist nicht mehr alleinvertretend.

Er sei "dem österreichischen Staat unendlich dankbar", meint dazu Sari Riza, Sprecher des Wiener Alevitischen Kulturvereins. Dessen Beschwerde hatte der Verfassungsgerichtshof vor zwei Wochen stattgegeben: Das in Österreich seit 1912 geltende Islamgesetz - das den Islam wie sonst nirgendwo anders in der westlichen Welt staatlich anerkennt - schließe Vielfalt nicht aus.

"Nehmen das zur Kenntnis"

"Wir nehmen das zur Kenntnis", meint dazu IGGIÖ-Integrationssprecher Omar Al-Rawi. Die IGGIÖ habe sich "immer dafür eingesetzt, die Aleviten als eigene Religion anzuerkennen - "aber als nichtislamische".

Alevitensprecher Riza hingegen sinnt nach der Umsetzung des Höchstrichterspruchs durchs Ministerium nach mehr: Wenn es schon keinen interkonfessionellen Ethikunterricht gebe, "der wohl die beste Lösung für alle wäre", sollten "alevitische Kinder in der Schule zumindest alevitischen Religionsunterricht besuchen. Einen Unterricht durch in Österreich ausgebildete Lehrer, der ausschließlich auf Deutsch gehalten wird", sagt er.

Warten auf Religionsunterricht

Zu lange habe der alevitische Nachwuchs, sofern er als muslimisch deklariert war, den - aufgrund von Zitaten aus dem Koran - zum Teil auf Arabisch gehaltenen IGGIÖ-Religionsunterricht besucht, meint Riza - oder eben gar keinen. Doch bis in Schulen eigene Religionslehrer den Glauben der geschätzten 50.000 bis 60.000 Aleviten in Österreich vermitteln, wird es laut einer Kulturministeriumssprecherin noch dauern: "Erst muss ein Antrag auf Anerkennung als eigene Religionsgemeinschaft gestellt - und dieser positiv beschieden - werden." (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 21.12.2010)

  • "Bin dem österreichischen Staat unendlich dankbar": Aleviten-Sprecher Sari Riza
    foto: standard/fischer

    "Bin dem österreichischen Staat unendlich dankbar": Aleviten-Sprecher Sari Riza

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