"Denen wollte ich zeigen: Es geht!"

17. Dezember 2010, 17:05
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Der Schriftsteller Peter Wawerzinek (56) über sein Schreib-Comeback, das Leben nach dem Bachmannpreis und sein nächstes Buchprojekt

Der kleine Mann mit der Berliner Schnauze liest schnell, ja atemlos, dennoch wie ein großer Schauspieler. Kein Wunder, dass er das diesjährige Wettlesen in Klagenfurt für sich entscheiden konnte. Sein Roman erzählt die Geschichte seiner Kindheit im Heim, die lange Suche nach der Mutter. Mit "Rabenliebe" hat sich Wawerzinek, nach sie- ben Jahren Schaffenspause, freischreiben können. Zuvor, im Sommer 2007, war er drei Monate am Wolfgangsee. Am ersten Adventwochenende kam der "Seeschreiber" für eine Lesung nach St. Wolfgang zurück - sehr zufrieden, mit einem Bachmannpreis in der Tasche.

STANDARD: Herr Wawerzinek, wie geht es Ihnen, seit Sie den Bachmannpreis gewonnen haben?

Wawerzinek: Ich habe seither rund 60 Lesungen absolviert. Zuerst der Bachmannpreis, dann Longlist und schließlich Shortlist des Deutschen Buchpreises. Mein Verleger hat sich sehr bei mir bedankt. Ich hatte vorher bedauert, dass es mit dem Bachmannpreis ein bisschen den Bach runterging. Ich war gegen diesen Jugendwahn in Deutschland - siehe Hegemann, wo eine 17-Jährige plötzlich so gehypt wird. Ich habe viele Freunde in meinem Alter, die seit 30 Jahren schreiben und keinen Erfolg haben. Auch denen wollte ich zeigen: Es geht. Ich fand gut, dass mein Comeback nicht auf deutschem Boden stattfand.

STANDARD: Sie waren 2007 Seeschreiber in St. Wolfgang. Welche Bedeutung hatte diese Zeit für Sie?

Wawerzinek: Das war gewissermaßen eine Aufwärmübung. Ich wollte mir beweisen, dass ich es noch drauf habe. Ich hatte vor, dieses Buch zu schreiben, zuvor aber sieben Jahre nichts geschrieben. Ein Freund erzählte mir, dass es diese Stelle als Seeschreiber in Österreich gibt. Die haben sechs Leute zum Vorlesen eingeladen. Da wusste ich bereits: Das will ich jetzt. Das war im April, und im Juli ging die Seeschreiberei schon los. Ich habe ich mir ein Fahrrad ausgeliehen und bin systematisch alles abgefahren, ich bin mit dem Bürgermeister von St. Wolfgang zu verschiedenen Terminen, um die Gegend kennenzulernen. Für mich war das wie eine Schreibübung, ob ich es noch schaffe, früh aufzustehen, Sätze zu formulieren, Tagebuch abzuarbeiten und mich zu konzentrieren. Ein halbes Jahr später hatte ich dann mein Buch Rabenliebe fertig.

STANDARD: Können Sie jetzt nach dem Erfolg von "Rabenliebe" von Ihrer Schriftstellerei leben?

Wawerzinek: Jetzt ja. Vor einem dreiviertel Jahr hätte keiner auf mich gesetzt. Dass das so geklappt hat, liegt natürlich am Bachmannpreis. Seltsamerweise sind die Kritiker noch freundlich zu mir. Es wurde da und dort ein bisschen gemäkelt. Das war alles.

STANDARD: Mit über 50 haben Sie jetzt den Erfolg eines Jungliteraten, obwohl Sie schon viel publiziert hatten.

Wawerzinek: Jünger hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Es musste erst die Zeit vergehen und bei mir eine gewisse Sattheit gegenüber der Verwertungsgesellschaft der Literatur erreicht sein. Ich hatte die Nase wirklich voll. Vor zehn Jahren dachte ich, jetzt hast du noch die Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Aber ich hatte dieses Mutter-Thema und immer gespürt: Das könnte was werden. Ich gebe zu, man wird neidisch, wenn viel Jüngere mit viel schlechteren Texten Erfolg haben. Das Schöne ist, dass ich jetzt nicht mehr neidisch sein muss.

STANDARD: Das heißt, ihr Erfolg durch den Bachmannpreis erzeugt nicht mehr Druck, sondern eher Erleichterung.

Wawerzinek: Er macht mich frei für nächste Sachen. Ich habe einen Stapel an Manuskripten, der ist höher als das, was bisher von mir erschienen ist, den kann ich jetzt durchforsten. Der Verlag verlangt erst in zwei Jahren etwas Neues. Jetzt kommt das Hörbuch, dann das Taschenbuch. Ich reite noch ein bisschen auf der Surfwelle mit. Den einzigen Stress, den ich mir mache: Ich will so viel wie möglich präsent sein. Aber ich werde nicht überheblich und sage: Ich bin Preisträger und fahre unter einem bestimmten Honorar nirgendwo mehr hin. Wenn es einen guten Grund gibt, mache ich Lesungen auch umsonst. Ich bin viel zu neugierig, um etwas abzulehnen.

STANDARD: Auch Erinnern hat mit Neugierde zu tun. Sie haben immer wieder gesagt, dass das Schreiben bei Ihnen den Erinnerungsprozess in Gang gesetzt hat, an die Zeit Ihrer Kindheit, an das Heim und die Pflegefamilien. Sie haben aber auch eine Menge recherchiert.

Wawerzinek: Ich wollte zunächst keinen Roman, sondern einen Tatsachenbericht schreiben. Ich habe gemerkt, das geht nicht. Wenn ich in den Wald gehe, mich auf den Waldboden setze, meine Augen schließe, die Erde anfasse und mich wieder in meine Kindheit zurückversetze, dann ist das kein Tatsachenbericht, aber es bringt mir mehr, als Leute zu befragen, die nichts mehr wissen oder nichts sagen wollen. Was die Gefühle dir sagen, ist wichtig. Es sind die Sinne, die bleiben. Im Tast- und im Geschmackssinn bleibt alles gespeichert. Deswegen war ich oft vor Ort, bin einfach da gewesen und herumgelaufen, bin Wege abgegangen, habe übernachtet an Orten, nur um aus einem Fenster rauszugucken. Ich wäre ohne meine Sinne nie an die ganzen Erinnerungen gekommen. Deswegen haben wir uns entschieden, Roman zu sagen. Beim Bachmannpreis, und das hatten wir so nie bedacht, gibt es eine Vorgabe: Es muss ein Roman sein. Mit einem Tatsachenbericht wären wir nicht dabei gewesen.

STANDARD: Nachbetrachtungen zu Ihrem Buch machen klar, dass Journalisten Ihr Buch als 100-Prozent-Autobiografie verstehen. Ist diese Lesart in Ihrem Sinn?

Wawerzinek: Ich kann gar nichts anderes, als autobiografisch zu schreiben. Ich bin für mich die interessanteste Landschaft, in der ich immer noch in Regionen komme, die ich nicht kenne. Ich habe versucht, das Buch anders zu schreiben, und musste alles verwerfen. Ich glaube, das Buch hat deswegen so viele Reaktionen ausgelöst, weil dieses "ich", das ich da schreibe, von den Leuten glaubhaft aufgenommen wird.

STANDARD: In "Rabenliebe" beschreiben Sie sich als jemand, der seine Gefühle wenig gut ausdrücken kann. Erlebt man Sie bei einer Lesung, wirken Sie sehr offen ...

Wawerzinek: ... ja, das mache ich aus Angst. Ich hatte Schwierigkeiten, das Buch zu lesen, weil ich emotional so involviert war. Ich dachte, das soll ein Schauspieler lesen. Ich fühle mich jetzt wie einer, der im Wasser von Stein zu Stein hüpft. Diese kleinen Stellen, die ich mir erarbeite, geben mir Sicherheit. Den zweiten Teil des Buches, die Fahrt zur Mutter, lese ich noch immer nicht vor. Mein Ziel ist, dass ich alles so lese, dass ich mir keinen Kopf mehr mache, ob meine Stimme zittrig wird. Wie auf einer Fahrt durch eine Gespensterbahn, wo man weiß, dass man sich jetzt gleich erschrecken wird. Aber das sind tolle Erfahrungen.

STANDARD: Das Hörbuch haben Sie nicht selbst eingelesen? Warum?

Wawerzinek: Ich will der Live Act sein und nicht die Konserve.

STANDARD: Sie schreiben, dass Sie schon mit zehn Schriftsteller werden wollten.

Wawerzinek: Ja, ich hatte positive Erfahrungen, weil ich anderen helfen konnte, Briefe zu schreiben, Gedichte oder auch Entschuldigungszettel, die glaubhaft klangen. Schriftsteller zu werden hat bei mir immer damit zu tun gehabt, dass ich mich oft davon abgelenkt habe. Als ich schon Bücher veröffentlicht hatte, habe ich Theaterstücke geschrieben, Bands gegründet, Comics gezeichnet, nur um nicht Schriftsteller zu werden. Warum? Es ist der langweiligste Job der Welt. Es bedeutet, stundenlang am Schreibtisch zu sitzen und sich zu langweilen.

STANDARD: Wie funktioniert Ihre Schreibarbeit heute?

Wawerzinek: Ich schlafe sechs Stunden. Wenn ich wach bin, duschen und Zähne putzen, an den Schreibtisch, und ich schreibe zwei, drei Stunden im Wahn alles auf. Das ist automatisches Schreiben. Dadurch wächst so ein Stoff. Bei Rabenliebe waren das 800 Seiten. Das ist wie eine Hecke, die man wieder stutzen muss. Wieder auf 400 Seiten runterzukommen, ist die größte Arbeit. Die Sache zu verdichten.

STANDARD: Schreiben Sie schon an Ihrem nächsten Buch?

Wawerzinek: Ich habe vor kurzem damit begonnen. Es geht wieder um vieles, das ich erlebt habe, um den Anspruch, Erfolg zu haben, Suchtverhalten und um Kindererziehung. Ich habe meine Kinder zurückgelassen, weil ich kein Kämpfer war, immer dachte, eine Mutter hat die alleinige Verfügungsgewalt. Ich habe meine Kinder 15 Jahre nicht gesehen. Jetzt kommt der Kontakt langsam wieder in Gang. Ich beschreibe in Rabenliebe meine Unfähigkeit, eine Beziehung zu halten, eine Frau mit Kindern als das meine anzusehen. Im nächsten Buch geht es um die Frage: Warum verfällt man dem Alkohol? Es war nicht nur dieses Abgeschobensein als Kind, sondern auch das Getrenntsein von den Kindern, das Gefühl der Machtlosigkeit, die Bücher, die nichts geworden sind, die Band, die sich aufgelöst hat. Ich bin aufs Land gezogen und habe mich über Jahre heimlich, still und leise therapiert - vom Gefühl, dass einem das eigene Leben so egal ist, dass man sich auch totsaufen kann. Das Thema ist ein gesellschaftsgreifendes. Ich habe schon eine Figur, sich all das einredet, was sich hunderttausend Alkoholiker einreden, ich habe die Trinkerheilanstalt, die Schrebergärten rundherum und die Postfrau, die sagt: Meinen Mann könnte ich da auch hinschicken. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 18./19. Dezember 2010)

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    Seeschreiber, Bachmannpreisträger und literarisches Comeback des Jahres: Wawerzinek (56) mit seinem Erfolgsroman "Rabenliebe".

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