Eklat vor Aussage der Polizei-Spionin

15. Dezember 2010, 18:26
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Tierschützer zweifeln an Echtheit der Person - Beschuldigte verließen Saal - Zuseher aus dem Saal getragen

Der Tierschützerprozess musste am Mittwoch unterbrochen werden. Grund: Ein Streit um die geplante kontradiktorische Einvernahme des ominösen Spitzels "Danielle Durand" eskalierte, die Verhandlung versank im Chaos

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Wiener Neustadt - "Danielle Durand", die ominöse Tierschützerspionin, wurde auch am Mittwoch nicht einvernommen. Doch ihre Person dominierte den 62. Verhandlungstag. Erst, weil ihr Zeugenauftritt nicht und nicht begann: Beschuldigte und Richterin Sonja Arleth zogen die Fragen an "Durands" Vorgesetzten Stefan Wappel in die Länge.

Kontradiktorische Einvernahme

Dann, weil "Durand" - endlich - aussagen sollte, aber nicht im Verhandlungssaal, sondern in einer Nebenkammer mit Videoübertragung. "Die Einvernahme findet kontradiktorisch statt", verkündete Arleth. Bei einer Befragung im Saal würde die Frau eine ernsthafte Gefährdung ihrer Gesundheit riskieren. Immerhin sei sie in Kreise eingeschleust worden, denen laut Anklageschrift schwere Delikte vorgeworfen werden. Und es bestehe die Gefahr, dass sie nach ihrer Aussage im Saal verfolgt und gestalkt werde.

Mimik auf dem Videoschirm nicht zu erkennen

Unruhe auf der Beschuldigtenbank, nervöse Beratungen unter den Verteidigern. Diese stellen Anträge, "Durand" doch im Saal zu vernehmen: Etwa, weil die ihre Mimik auf dem Videoschirm nicht zu erkennen sei. Arleth lehnt ab. Als sie den Saal verlässt, um die kontradiktorische Befragung zu beginnen, springt ein Beschuldigter auf und knallt die Akten, die er bisher auf dem Schoß hielt, auf den Boden. Er springt auf und verlässt türenschlagend den Raum. Ein Zweiter folgt.

Zuhörer verlassen ihre Plätze

Andere Angeklagte springen auf, Zuhörer verlassen ihre Plätze. Die Tür öffnet sich: Ein Kameramann, der für eine Videoproduktion den Prozess filmt, wird hereingeschoben: "Meine Kamera ist hin. Das war Polizeigewalt!" Journalisten drängen hinaus: Das Gerät habe im Polizeigewühl einen Schlag abbekommen, schildert der Mann.

Drinnen im Saal ist inzwischen Vorsitzende Arleth wieder aufgetaucht. "Ruhe! Das ist eine Störung der Verhandlung!", ruft sie in die aufkommenden Sprechchöre ("Keine Gewalt! Keine Gewalt!") hinein. Sie verweist eine Besucherin des Saales. Diese widersetzt sich, Polizeibeamte zerren die Frau vom Sessel und durch die Tür nach draußen. Sie verfahren ebenso mit einer Zweiten.

Auf der Leinwand hinter der Richterbank "Danielle Durand"

Währenddessen ist auf der Leinwand hinter der Richterbank die ganze Zeit "Danielle Durand" zu sehen: Eine mollige Person mit langen falschen Haaren und Stirnfransen. Blass und - wie es scheint - nervös sitzt sie am improvisierten Vernehmungstisch und wartet. "Ich kann sie auf diesem Bild überhaupt nicht erkennen", sagt - inmitten des Chaos - Beschuldigter Felix H., dem ein sexuelles Verhältnis mit der verdeckten Ermittlerin nachgesagt wird, zu einem Journalisten.

Verhandlung wird unterbrochen

Als Verteidiger Philip Bischof den Antrag stellt, die Verhandlung zu unterbrechen, stimmt Arleth sofort zu. Und die Unterbrechung ist nicht nur für wenige Minuten. "Vertagung auf morgen, Donnerstag, neun Uhr", verkündet sie. Dann, meint sie, werde man mit der kontradiktorischen Vernehmung beginnen. (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe 15.12.2010)

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Kommentar von RAU: Justiz-Show - Der Tierschützer-Prozess bietet ständig neue Aufschlüsse über Polizei- und Justizarbeit

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    Danielle Durand? Die verdeckte Ermittlerin könnte sich auch hinter dieser Maske verstecken. Ihr Antlitz soll auch im Tierschutzprozess nicht gelüftet werden. Deshalb toben die Angeklagten

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