Das "vage Gebilde" Bachelor

21. Dezember 2010, 13:06
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Zwischenstufe oder doch ein vollwertiger akademischer Titel? - derStandard.at sprach mit Personal-Recruitern über den Wert des Bachelors

Für Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) ist der Bachelor ein vollwertiger akademischer Titel. Konsequent durchgezogen wird dieser Ansatz in der Regierung aber nicht. Der Bund bezahlt jenen Beamten, die einen Bachelorabschluss haben, nicht gleich viel wie anderen Akademikern. Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bezeichnete in einem Interview den Bachelortitel sogar als „Zwischenstufe" nach der Matura und vor einem akademischen Abschluss.

Im Allgemeinen sei der Titel ein „vages Gebilde" und werde derzeit noch von Studierenden- wie von Unternehmerseite als Zwischenabschluss gesehen, glaubt Bernhard Wundsam, Geschäftsführer von „Uniport", dem Karriereservice der Universität Wien. „Ein sehr hoher Prozentsatz der Studierenden macht gleich nach dem Bachelor-Abschluss noch ein Masterstudium. Das hängt auch mit dem Bekanntheitsgrad des Bachelor zusammen", so Wundsam. Wenn die Studierenden dann Absagen auf Bewerbungen bekämen, würden sie sich selten länger umsehen, sondern gleich ein Masterstudium anhängen.

Für ihn wäre für die Anerkennung des neuen Titels am Arbeitsmarkt besonders wichtig, dass Bachelors im öffentlichen Dienst genauso hoch wie andere Akademiker bezahlt werden. „Hier kommt oft der Vorwurf der Unternehmen, die sich fragen, warum sie sich mit dem Bachelor herumschlagen müssen", sagt Wundsam.

Kein guter Ruf

In einer Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) sei zudem erhoben worden, dass Österreich ein sehr traditionelles Akademikerbild habe, so Wundsam. 65 Prozent der Personalisten sagen laut dieser Studie, dass für sie der Bachelor kein vollwertiger akademischer Titel ist und fünfzig Prozent der Betriebe glauben, dass sie mehr Geld in Weiterbildung investieren werden müssen, weil Bachelorabsolventen eine unzureichende fachliche Kompetenz aufweisen.

"Bologna-Prozess ist ein Faktum"

Auch der Recruiting-Director von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) beobachtet, dass in Österreich viele Studierende erst ein Masterstudium abschließen bevor sie sich bewerben. „Nun lässt sich aber ein Anstieg an Bachelor-Bewerbungen verzeichnen, und wir haben in diesem Jahr in Österreich bereits die ersten Bachelors im Rahmen unseres Junior Associate-Programms eingestellt. Es werden in Zukunft sicher mehr werden", glaubt Johannes Schneider. Die Frage, ob der Bologna-Prozess gut oder schlecht ist, stellt sich für den Recruiter nicht, da dieser einfach „ein Faktum" sei.

Erwartungen herunterschrauben

„Die große Herausforderung für BCG ist es, die Top Absolventen auch unter den Bachelors zu finden und ihnen ein gutes Angebot zu machen", sagt Schneider. „Die Leute sind jünger, deshalb müssen wir bei den Aufnahmeverfahren kalibrieren, was wir erwarten können". Ein toller Bachelor-Student habe sechs Semester studiert und durch die relativ straffen Curricula nicht so viel Zeit für Praktika oder sonstige Erfahrungen außerhalb des Studienalltags. „Das heißt, dass wir mit einer eingeschränkteren Datenbasis entscheiden müssen, wen wir wollen. Das Wichtigste aber ist, dass jemand gut denken kann, und da spielt das Alter eine untergeordnete Rolle", sagt Schneider. Auf diese Absolventen aber komplett zu verzichten wäre seiner Ansicht nach „ein großer Fehler".

Österreich ist nicht Amerika

Bei der Unternehmensberatung McKinsey begrüßt der Recruiting Chef Thomas Fritz die Umstellung auf das Bachelor-, Mastersystem, da so die internationale Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse steige und die Studienmöglichkeiten im Ausland verbessert werden. „Prinzipiell" sieht McKinsey den Bachelor-Abschluss schon als vollwertigen akademischen Titel. „Allerdings unterstützen wir Bachelor-Studenten nach ihrem Einstieg bei uns noch etwas mehr, als dies bei anderen Abschlüssen der Fall ist", so Fritz. Wie bei BCG wird auch bei McKinsey allerdings ein weiterer Masterabschluss nach ein paar Jahren Berufserfahrung forciert. „In den USA ist dieser Ablauf - Bachelor, zwei bis drei Jahre Arbeit, Master - üblich. Das wird sich wohl in den nächsten Jahren auch in Deutschland und Österreich für die Wirtschaftsstudiengänge etablieren", glaubt Fritz.

"Titelfanatismus" sorgt für Barrieren

Eine weitere spezielle Situation in Österreich ist laut Wundsam auch der „Titelfanatismus". „Das kann man nicht mit dem angloamerikanischen Bereich vergleichen, wo das Fach, in dem man einen Bachelor-Titel gemacht hat, nicht so wichtig ist", erklärt der Geschäftsführer. In Österreich sage schon die Wahl des Studiums - also ob es ein Wirtschafts-, ein technisches oder ein geisteswissenschaftliches Studium ist, etwas über die „Lebensphilosophie" aus. „Hier werden Barrieren aufgebaut, die es nicht leicht machen in den Arbeitsmarkt einzusteigen", sagt Wundsam.

Er will mit Uniport nun mit einer Diskussionsveranstaltung im Frühjahr den Bachelor-Titel greifbarer machen. „Es soll noch einmal diskutiert werden, was man mit dem Abschluss tun kann. Wir wollen dazu Arbeitgeber, Bachelor-Absolventen, Studierende und die Universität einladen". (Lisa Aigner, derStandard.at, 21.12.2010)

Wissen:

Kernziel des Bologna-Prozesses ist es, EU-weit die akademischen Abschlüsse einander anzugleichen. Dazu wurde in Österreich das zweigliedrige System vom Magister- und Doktorstudium in ein dreigliedriges System, als Bachelor-, Master-, und Doktorstudium (PhD) umgestellt. Im Wintersemester 2010 haben 93,7 Prozent der Universitäten und 98,7 Prozent der Fachhochschulen auf dieses System umgestellt.

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    Fertig - und dann? Viele österreichische Studierende hängen an den Bachelor gleich den Master dran.

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