"Kiss and Ride"-Zonen

14. Dezember 2010, 18:08
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Stellen, wo geküsst werden kann - oder muss? Eine Definition über die Art des Küssens fehlt im neuen ÖBB-Kursbuch - Und das ist nicht das einzig Rätselhafte

Der Kreativität der Österreichischen Bundesbahn sind anscheinend keine Grenzen gesetzt. Bei Durchsicht des neuen Kursbuches findet man auf den Seiten 26 und 27 die Pläne der Bahnhöfe Wien-Meidling und Wien-Südbahnhof (Ostbahn) und auf diesen wieder ein Emblem mit einem stilisierten Schmollmund und der Inschrift "+ Ride", der Legende zufolge markiert es den Platz "Kiss and Ride", also die Stelle, wo Reisende sich von ihrer Begleitung mit inniger Zuneigung verabschieden können. Oder müssen?

Welche Küsse sind zulässig?

Näheres ist (noch) nicht bekannt, denn zusätzliche Erläuterungen fehlen in den "Erklärungen zum Fahrplanlesen", dort gibt es das Emblem nicht. So darf man ruhig bis zum nächsten Fahrplanwechsel spekulieren, was uns da noch ins Haus steht. Darf man nur unter dem neuen Schild küssen oder auch auf den Bahnsteigen? Oder gar im Wagon? Welche Küsse sind zulässig? Sicherlich der Schmatz auf die Wange, aber auch ein Zungenkuss? Gar nicht zu reden von Sympathiekundgebungen, wie sie jüngst in der Wiener U-Bahn gezeigt wurden.

Wer Geld hat, redet nicht darüber!

Leider ist das nicht das einzig Rätselhafte am neuen Kursbuch, das etwa kein Zugverzeichnis mehr enthält, dafür aber immer noch ein Stationsverzeichnis, in dem alle Wiener Bahnhöfe und Haltestellen zweifach aufscheinen. Vor allem wenn es um die Tarife geht, halten sich die Bundesbahnen bedeckt und haben daher auch die Liste mit den Fahrpreisen gestrichen. So nach dem Motto: Wer Geld hat, redet nicht darüber!

Strafen fürs Schwarzfahren: 65 Euro

Dezidiert angeführt sind nur die Strafen fürs Schwarzfahren; 65 Euro, wenn der Übeltäter gleich beim Schaffner oder Kontrollor berappt; 95 Euro, wenn man mit Erlagschein oder Überweisung zahlt.

"Im Augenblick sind alle Leitungen besetzt ..."

Auch die Gebühr für den Autotransport findet sich, in der Relation Wien-Firenze sogar jene für die Beförderung des Motorrades. Will man aber den Preis etwa für eine Fahrt von Graz nach Innsbruck oder von Bad Ischl nach Ebensee wissen, hat man sich an das Callcenter ("Im Augenblick sind alle Leitungen besetzt ...") zu wenden oder im Internet nachzuschauen. Erstmals hingegen findet sich die Höhe des Zuschlags für die Benützung der Premium Class im Railjet: 25 Euro.

Kein Preis

Wer da meint, das Kursbuch sei der Katalog des öffentlichen Verkehrs, ist zum Umdenken gezwungen, denn in derlei Katalogen fehlt nie der Preis für das Angebot.

Einsparungen im Auslandsteil

Eingespart haben die ÖBB beim neuen Kursbuch auch den Auslandsteil, die internationalen Verbindungen sind im Heftchen Fernverkehr Österreich integriert; recht schlampig allerdings. So fehlt im Übersichtsplan die Relation Linz- Prag, obwohl dort der D 200/201 Anton Bruckner verkehrt. Als Destination des Abschnitts E ist nur Verona angegeben, obgleich im Fahrplanbild auch die Züge nach Bologna und Mailand aufscheinen. Berlin und Prag sind als Zielbahnhöfe des Abschnitts D2 angegeben, doch fahren Züge bis Hamburg-Altona und Stralsund.

Für die über Berlin hinausgehenden Verbindungen nach Hamburg und Stralsund fehlen in den Fahrplanbildern sogar die Ankunftszeiten bei der Endstation.

Abschließendes Resümee: Das österreichische Kursbuch hat einen rätselhaften, wenn nicht gar mystischen Touch. (Bernd Orfer, DER STANDARD Printausgabe 15.12.2010)

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    Die Sache mit dem Küssen ist nicht das einzig Rätselhafte im Buch der Kurse

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