Stoffschwein der Apokalypse

13. Dezember 2010, 17:11
2 Postings

Regisseur Viktor Bodó dreht Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" durch die Zentrifuge des Wahnsinns: eine Großtat

Graz - In Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita (1940) stattet der leibhaftige Teufel einem anderen, möglicherweise noch furchtbareren Teufel eine Art Höflichkeitsbesuch ab. Satan macht Stalin in dessen innerstem Machtbezirk seine Aufwartung: im Moskau der 1930er-Jahre.

Der Schwarzmagier Woland (Franz Solar) ist im Grazer Schauspielhaus ein bleigrauer Monsieur mit Gehstöckchen. In seinem liederlichen Gefolge befinden sich Krawallschläger. Man kann Bulgakows posthum veröffentlichtes Meisterwerk natürlich als Abrechnung mit dem Totalitarismus lesen: In ihm landen Dichter allein schon deshalb im Irrenhaus, weil sie von der Wahrheit Zeugnis ablegen. Man kann aber auch mit dem ungarischen Regisseur Viktor Bodó in Bulgakows hysterisch dröhnendes Gelächter bereitwillig einstimmen: Die Vertreter der Macht sind Idioten!

Sie hetzen furchtbar geschäftig die Stahltreppen hinauf und hinunter. Sie wohnen im ersten Stock: dort, wo die famose Drehbühne (Pascal Raich) den Blick auf die Parasiten der Stalin'schen Säuberungspolitik freigibt. Der Unterhalt von Wohnraum, so lehrt es diese extrem sportive Veranstaltung, ist ein Privileg der wenigen. Der Teufel selbst muss töten und betrügen, um im Sozialismus der Säuberungsjahre für sich und seine Entourage Unterschlupf zu finden! Fette Parvenüs (Thomas Frank) und üble Hausverwalterinnen (Steffi Krautz) bilden das Lokalkolorit für eine Welt, die aufgrund seltsam gravitierender Verhältnisse kopfsteht.

"Funny Bones" aus Ungarn

Man mag es Bodó nicht verübeln, dass er die Manuskriptberge von Bulgakows Roman förmlich in die Luft wirft. Seine Figuren - unter ihnen viele Funny-Bones-Komiker aus der Budapester Szputnik Shipping Company - dürfen einander wie Tom und Jerry knuffen. Mit böser, argwöhnischer Hast rast ein höchstbegabter Regisseur durch das Moskau der Moderne. Er hetzt seine Schauspieler von Station zu Station.

Jede, jeder Einzelne dankt es mit einer scharf umrissenen Skizze. Erstarrt, wenn ihm oder ihr der Teufel mit unerhört brutaler Macht das Mundwerk lähmt. Bodós Vision ist eine filmische, und sie hat mehr mit den Tramps und Verlierern aus Hollywood gemein als mit dem Pathos der sozialistischen "Aufbaujahre". Bulgakow aber schuf ein Spiegelkabinett. Denn mitten hinein in das burleske Wirken des Teufels fällt die Geschichte vom "Meister", einem buchstäblich wahnsinnigen Dichter (Jan Thümer), dessen verbrannter Roman über Jesus' Kreuzigung wiederum den Kern von Meister und Margarita enthüllt: Es sind die wahrhaft Wahnsinnigen, die die Botschaft des Guten wie Schmuggelgut durch die Finsternis der Diktatur hindurchtragen.

Damit nicht genug. Ein "unbegabter" Lyriker (Claudius Körber) landet - eben weil er normal ist - in der Nervenklinik. Er erfährt das Geheimnis des Meisters, das von Bodó wie ein großer Komödien-Coup behandelt wird. Resolute Dienstmädchen (Sophie Hottinger) reiten fortan auf Stoffschweinen; Margarita (Birgit Stöger) darf auf des Teufels Geheiß nackend, aber unsichtbar ihre Gegner: Funktionäre und Kritiker zur Räson bringen.

Bodó hat Bulgakows Spiegel zerbrochen. Aber er lässt die Scherben auch unfassbar kurzweilig auf die Grazer niederregnen. Er hetzt sein österreichisch-ungarisches Ensemble durch das Nadelöhr der Artistik: Wenn von der Moderne etwas geblieben ist, so ja doch nur der Eindruck unglaublicher Geschäftigkeit.

Woland aber, der Teufel, erscheint zum Schluss als Väterchen Stalin wieder. Im Klinikum, wo er wissen lässt: "Arbeit und Disziplin" brauche es in der Zukunft. Bodós Theater mag kein Modell der Zukunft sein. Aber in der Zwischenzeit lässt es sich mit ihm vortrefflich leben. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2010)

  • Als sich Dichter und Musen mit Teufels Hilfe durch den Stalinismus 
schwindelten: v. li. B. Stöger, C. Körber, J. Thümer.
    foto: schauspielhaus graz / peter manninger

    Als sich Dichter und Musen mit Teufels Hilfe durch den Stalinismus schwindelten: v. li. B. Stöger, C. Körber, J. Thümer.

Share if you care.