Trübes Medium

10. Dezember 2010, 17:24
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Warum der ORF über ein solches Alltagsbäuerchen berichtet, bleibt ein Rätsel

Zwischen Weltnachrichten wie dem Klimagipfel in Mexiko, dem hinter Gitter sitzenden chinesischen Friedensnobelpreisträger oder dem Schneetreiben in Deutschland und Paris widmeten sich sowohl die ZiB 20 also auch die ZiB 2 noch einem anderen Treiben: jenem in der Wiener U-Bahn.

Für jene, die bislang davon verschont geblieben sind: In der U-Bahn wurde ein junges Paar beim Schnackseln erwischt. Eine Quickie in Missionarsstellung am Plastiksitz, nicht sehr geil. Happy End? Nicht überliefert.

Zugegeben, das sieht man nicht jede Nacht. Das dachten sich andere Passagiere auch. Also wurden die Triebtäter, wie es sich neumodern gehört, mit Handys gefilmt und jenes Dokument, dem die Aufregung am wenigsten anzusehen war, online gestellt. Dorthin, wo mehr schlechter Sex und Pornografie abrufbar ist, als man sehen möchte.

Warum der ORF über ein solches Alltagsbäuerchen berichtet, bleibt ein Rätsel. Bei etwas hausinterner Kommunikation wäre man vielleicht auch draufgekommen, dass sich der Spezialist für unterirdisches Treiben aller Art, Dominic Heinzl, der Geschichte schon in seiner Gewürzsendung angenommen hatte. Da müssten normalerweise die Alarmglocken läuten, haben sie aber nicht.

Also wurde unter Vorgabe von Seriosität, für die ein bekannt öffentlichkeitsscheuer Anwalt seine Prinzipien über Bord warf, nachgefragt, was das Gepudere rechtlich bedeute. Nicht viel. Dafür reizte der ORF all seine erlauchte Sprachgewalt aus, ließ von "öffentlichem Nahverkehr" sprechen, belegte also, dass jahrzehntelange Übertragungen des Villacher Faschings auch das Übermittlungsmedium trübe macht. (Karl Fluch, DER STANDARD; Printausgabe, 11./12.12.2010)

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