"Ich fühle mich eh gut, denn ich habe keine Pflichten"

9. Dezember 2010, 14:11
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Die Jugend wird gerne zum Sündenbock für gesellschaftliche Konflikte gemacht - Was aber bringt junge Leute dazu, sich auszuklinken? In einer neuen Studie beschreiben Teenager, wie sie den Rand der Gesellschaft erleben.

Wien - Keine Zukunft zu haben, sozial ausgegrenzt zu werden und keinen Platz in der Gesellschaft zu finden: Für viele Jugendliche sind das die täglichen Ängste, mit denen sie zu kämpfen haben. Denn die Zeit des Erwachsenwerdens ist nicht nur mit sorglosem Abhängen und ausgelassenen Partys verbunden. Es ist auch jene Phase des Lebens, in der man seinen Platz in der Welt sucht. Für Kinder aus Familien, die ihren Platz in der Gesellschaft bereits verloren haben und mit Armut kämpfen müssen, ist diese Suche oft lange nicht abgeschlossen.

2010 ist das europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Zu diesem Anlass hat das Institut für Jugendkulturforschung eine Studie zur sozialen Exklusion Jugendlicher durchgeführt. Neuland für die Sozialforscher, wie sie selbst berichten, denn bislang habe sich die Exklusionsforschung fast ausschließlich mit Erwachsenen beschäftigt. "Bei ihnen ist der Verlust von Status und Ansehen meist der Auslöser für den emotionalen Rückzug, der auf Dauer zum Ausklinken aus der Gesellschaft führen kann", erklärt die wissenschaftliche Leiterin des Instituts, Beate Großegger. Im Gegensatz dazu hätten Jugendliche mehr Angst davor, in ihrer Altersgruppe keinen Anschluss zu finden - nicht dazuzugehören.

Für die Studie "No Future? Überflüssig, abgehängt und politisch ausgeklinkt - soziale Exklusion bei Jugendlichen" wurden 42 Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern interviewt. In den befragten Familien war die Exklusionsgefahr entweder durch finanzielle Schwierigkeiten, ein geringes Bildungsniveau der Eltern oder sehr viele Kinder gegeben. Geld und damit die Möglichkeit zum Konsum sei ein entscheidender Aspekt für die Heranwachsenden, um Anschluss zu finden.

Aus der Armut ausbrechen

"Denn die meisten Freizeitaktivitäten kosten etwas, und wer es sich nicht leisten kann mitzumachen, hat es schwer, sich einen Platz in der Gruppe zu sichern", erläutert Großegger. Außerdem würden Kinder aus armutsgefährdeten Familien auch oft durch ihr Erscheinungsbild auffallen. "Denn ein 'cooles' Outfit muss man sich erst einmal leisten können". Kinder, denen die Opferrolle der Armut zugeschrieben werde, würden oft alles dafür tun, um aus dieser auszubrechen. "Alles, was sie an Geld in die Finger bekommen, wird mit großem Spaß schnell wieder ausgeben. Dieses Verhalten findet man bei Jugendlichen bis weit in die Mittelschicht", so die Expertin.

Anders wird eine zweite Gruppe Jugendlicher beschrieben, und zwar jene, die sich zurückziehen und den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen. "Dadurch suchen sie die passive Teilnahme an der Gesellschaft, von der sie sich sonst abgrenzen", schildert die Jugendforscherin. Dass der Verlust von Arbeit und einem geregelten Tagesablauf schnell zu passiver Resignation führen kann, zeigt die soziografische Untersuchung "Die Arbeitslosen von Marienthal". "Betroffene haben keine Kraft mehr, zu versuchen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne Hilfe schafft man den Weg zurück meist nicht. Für Jugendliche aus solchen Verhältnissen ist das noch schwieriger, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben", erklärt Großegger.

Diesen Typus beschreibt man in der Sozialforschung als "paradox-lebenszufrieden". Alles läuft nach dem Motto "Ich fühle mich eh gut. Warum? Keine Ahnung. Ich hab keine Pflichten", wie eine 19-Jährige ihr Drop-out beschreibt. Diese jungen Leute haben oft kein Problem damit, zu ihrer Position als Ausgeschlossene zu stehen. Sie leben von Geldern der Wohlfahrt und betrachten beruflichen Erfolg als unwichtig.

Auch darüber, wie man Betroffenen rasche Hilfe anbieten kann, hat sich das Forscherteam Gedanken gemacht. Ad-hoc-Arbeitsplätze könnten den Einstieg in die Gesellschaft erleichtern. "Für junge Menschen würde schon ein minimales Gehalt genügen", meinen die Autoren. Auch Bildungsförderungen könnten ein Weg sein, mögliche Ziele aufzuzeigen. Denn oft fehle das Wissen über Bildungs- oder Berufsperspektiven.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die sogenannte "Gesellschaft der Exkludierten" zeigt große Distanz zur Politik, hat mit der eigenen Unsicherheit zu kämpfen und ist deshalb über jede Erklärung froh, die ihnen für ihre Lage gegeben wird. Andere Bevölkerungsgruppen, die ebenfalls Probleme haben oder denen es noch schlechter geht, können Ausgeschlossene nur schwer verstehen.

Denn Empathie setzt Interesse am Anderen, am Neuen und Fremden voraus. "Man kann sich jetzt vielleicht besser vorstellen, wie Rassismus entsteht. Die Angst vor dem Unbekannten führt zu Hass. Deshalb finden auch rechtsextreme Parteien in dieser Bevölkerungsschicht großen Zulauf." (Alicia Prager, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8. Dezember 2010)

 

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