Rundschau: Bertha von Suttner vs. die Weltraumkrieger

    18. Dezember 2010, 10:12
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    Besinnungslose Feiertage mit Büchern von unter anderem Joseph D'Lacey, Adam-Troy Castro, K. J. Parker, Thomas Finn und Project Itoh

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    coverfoto: wurdack

    Karla Schmidt (Hrsg.): "Hinterland"

    Broschiert, 383 Seiten, € 15,40, Wurdack 2010.

    Die gerade in der Science Fiction aufgekommene Buchmode, in den Danksagungen anzugeben, welche Musik während des Schreibens gehört wurde, betrachte ich eher mit Skepsis. In den allermeisten Fällen führen die stolzen Verweise - je nach AutorInnengeneration - entweder zu blähsüchtigem Art-Rock aus den 70ern oder zu mäßig originellen Industrial-Crossovers aus den 90ern; vielleicht könnte man sich zu spannenderer Musik ja auch nicht mehr aufs Tippen konzentrieren. - Bei der Anthologie "Hinterland" (Untertitel: "20 Erzählungen inspiriert von der Musik David Bowies") sah das zum Glück anders aus, da sollten die Songs nicht untermalen, sondern selbst zum Anstoß für eine SF-Geschichte werden. Unter den AutorInnen, die großteils bereits durch Romane und Anthologie-Beiträge bekannt sind und für dieses "Konzeptalbum" zur Hochform auflaufen, befinden sich offensichtlich auch einige ausgemachte Fans respektive ExpertInnen. Erkennbar nicht zuletzt daran, dass so gut wie gar nicht auf die Songs mit offensichtlichem Bezug zurückgegriffen wurde ("Space Oddity", "Starman", "Ziggy Stardust" und was nicht gar), sondern auf durchaus weniger Geläufiges. Unter anderem auch aus den Jahren, als Bowie nicht mehr in jedermanns Tracklist vertreten war.

    Der Titel der Anthologie ist dem 1979er Song "Red Sails" entnommen und steht für das Unterbewusstsein - wie es im Vorwort heißt: der einzige Ort, der wirklich eine Reise lohnt. Entsprechend surreal gestaltet sich der Auftakt, das mit beeindruckenden Bildern prunkende "Purgatorium" von Dirk Röse: In nicht allzu ferner Zukunft hat das Jüngste Gericht doch noch stattgefunden; doch nicht als Prüfung, sondern als Angebot. Röse schildert die modrige, freudlose Welt derer, die das Angebot abgelehnt haben - während am Himmel die Helle Welt so buchstäbliche Anziehungskraft entfaltet, dass die der Menschen auf dem Kopf steht. - Das Ding von vorgestern und keinen Cent mehr wert wäre Surrealimus hingegen in der bizarren Parallelwelt von Markolf Hoffmanns "Triptychon": In einem Großbritannien, dessen neuer Premierminister Damien Hirst heißt, untersucht die "Art Crime Agency" Verbrechen nur noch auf ihren künstlerischen Wert hin. Die Kunst- hat die Finanzwelt von den Schalthebeln der Macht verdrängt, das Resultat ist noch zynischer als der Zustand davor. - Seinen x-ten Weg, mit herkömmlicher Erzähllogik zu brechen, hat indessen der überaus produktive Dietmar Dath ("Die Abschaffung der Arten") gefunden: In "Solus ipse, leerer Drache" schildert er eine brisante Personenkonstellation aus der Warte eines nicht-existierenden Ich-Erzählers. Was sich viel rasanter liest, als es jetzt vielleicht klingt.

    Ein gelungenes Autorendebüt legt der Musiker mit dem bemerkenswerten Pseudonym Pepe Metropolis mit der Titelgeschichte der Anthologie hin, "Hinterland" führt dabei auf eine durchaus auch räumliche Reise: Die Expedition, die hier im Auftrag einer wissenschaftlichen Gesellschaft in den Pazifik tuckert, startet zwar im Jahr 2064, könnte den Umgangsformen und der Verwendung Steampunk-artiger Gerätschaften nach aber auch zwei Jahrhunderte früher angesiedelt sein; nicht zuletzt auch weil Naturwissenschaft und Metaphysik hier noch sehr freien Umgang pflegen. Wenn es um die Stellung des Menschen in der Welt als zentrale Frage geht, wird man daher sowohl auf ein "Weißes Licht" als auch auf eine allumfassende Super-DNA stoßen. - Fernab jeder Esoterik und doch über die messbare Realität hinausgehend die Erlebnisse einer Gruppe von Space-Marines, die in Tobias Lagemanns "P.O.S." einen zur Terraformierung vorgesehenen Planeten militärisch sichern sollen und sich dabei einem unsichtbaren Feind zu stellen haben. Könnte neben David Bowie auch von "Alien 2" inspiriert sein - ist aber auch deswegen bemerkenswert, weil der Autor mit einer eigentlich verpönten Art von Schlusspointe gerade noch mal die Kurve kratzt.

    Die Herausforderungen, denen sich die jeweiligen ProtagonistInnen der 20 Erzählungen stellen müssen, sind höchst unterschiedlicher Art: Aleksandr Voinov setzt in "Nicht Amerika" einen US-Amerikaner in einer Invasion völlig beißunwilliger europäischer Zombies ab, Ernst-Eberhard Manski schickt in "Der Saxophonist vom Rathaus Neukölln" einen interstellaren Bildungstouristen in seinen Berliner Kiez zurück, Tobias Bachmann lässt in "Die letzte Telefonzelle" einen Agenten im Zwiegespräch mit einem intelligent gewordenen Münztelefon an seinem Verstand zweifeln und "Alles bleibt anders"-Autor Siegfried Langer vergönnt in "Berlin, Nachklang" Bowie selbst ein letztes Dacapo. Die Muse der Anthologie taucht in den einzelnen Episoden übrigens in höchst unterschiedlicher Form auf: Von expliziten Songzitaten über frei assoziiertes Weiterspinnen von Ideen und Bildern aus Bowie-Songs bis hin zum Auftritt eines Mannes mit zwei verschiedenfarbigen Augen. Ein paar AutorInnen scheinen auch mit dem Bowie-Aspekt leichter zurechtzukommen als mit dem (noch) ungewohnten Genre, tragen in ihren Geschichten, die von schwulen Ninjas bis zu Unterwasser-Ressourcenkämpfen alles mögliche potenziell Interessante abhandeln, allzu dick auf und landen - vermutlich ungewollt - im Pulp. Mit Vorsatz hat sich dagegen Jakob Schmidt auf diese Literaturform gestürzt und nimmt in "Die betrübte Strahlenkanone" unter anderem Geek-Träume von sexy SuperheldInnen aufs Korn. Im Mittelpunkt steht eine Knarre, die a) ein moralisches Empfinden hat und b) das Pech, in der Hand von Zarvora der Erbarmungslosen zu liegen ...

    Nun zu drei Geschichten mit zwei Gemeinsamkeiten: Sie alle schildern in atmosphärisch dichter Weise eine Welt der unmittelbaren Zukunft, die in ihren Ressourcen und Möglichkeiten geringer geworden ist - und sie böten sich als guter Ausgangspunkt für längere Erzählungen an. In Barbara Streuns "On Idle" schlägt sich die allgemeine Niedergangsstimmung auch auf das persönliche Leben eines Ex-Studenten nieder, den nun nur noch Botengänge mit seiner ehemaligen Uni verbinden - unter anderem für eine illegale Glühbirnen-Manufaktur. Doch während Streun den Versuch einer Zeit-Korrektur als möglichen Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt, kann in "Kamera(d), Action!" von Nadine Boos alles höchstens noch schlimmer werden. Hier wird einerseits ein Journalist mit einem waffengeilen Soldaten konfrontiert, der sich vor seiner Kamera produziert, während nicht weit davon entfernt die VertreterInnen zweier antagonistischer politischer Systeme Verhandlungen aufnehmen: Die Mediendemokratie des hungernden Europa trifft dabei auf die immer noch im Überfluss lebenden USA, die - stellvertretend für viele und insbesondere europäische SF-Szenarios der Gegenwart - zum fundamentalistischen Christenstaat verkommen sind. Anthologie-Herausgeberin Karla Schmidt schließlich kehrt mit "Erlösungsdeadline" in die Welt zurück, die sie zuvor bereits in der Kurzgeschichte "Lebenslichter" entworfen hatte, es gibt sogar ein Wiedersehen mit der subversiven "guten Fee" Véronique. Hier versucht sie einem 80-Jährigen zu helfen, der aus dem Altersheim ausgebüxt ist, um seine verschwundene Enkelin zu finden. All das vor dem Hintergrund einer neuentstehenden mysteriösen Bewegung, die den Menschen Erlösung bis zu einer fixen Deadline im Jahr 2032 verspricht. Zur Atmosphäre gesellt sich nun also auch ein Spannungselement - wird Zeit, das Ganze zu einem Roman auszuarbeiten!

    In den vergangenen Jahren habe ich eine Reihe deutschsprachiger SF-Anthologien gelesen - "Hinterland" ist eine überdurchschnittlich gute geworden. Ein letztes Highlight hab ich mir noch für den Schluss aufgehoben: "Vilm"-Autor Karsten Kruschel begibt sich in der bitterbösen Satire "Vierte und Erste Sinfonie oder: Müllerbrot" stilistisch auf die Spuren von Johanna und Günter Braun ... und inhaltlich auf die der Aktivistengruppe The Yes Men. Wortgewaltig und hochkomisch wird hier schockstarren JournalistInnen vorgeführt, wie der Weltwohltäter das Problem des globalen Hungers endgültig gelöst hat. Bei manchen werden jetzt vielleicht unwillkürlich die Worte "Soylent Green" im Hinterkopf aufleuchten - doch lasst euch gesagt sein: Es geht sogar noch scheußlicher.

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