Rundschau: Bertha von Suttner vs. die Weltraumkrieger

    18. Dezember 2010, 10:12
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    Besinnungslose Feiertage mit Büchern von unter anderem Joseph D'Lacey, Adam-Troy Castro, K. J. Parker, Thomas Finn und Project Itoh

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    coverfoto: eraserhead press

    Mykle Hansen: "Help! A Bear Is Eating Me!"

    Broschiert, 129 Seiten, Eraserhead Press 2008.

    Zum guten Abschluss noch das lustigste Buch, das ich in den vergangenen Monaten gelesen habe - doch, Achtung, eine Vorwarnung: Lachen kann über "Help! A Bear Is Eating Me!" nur, wer der Schadenfreude mächtig ist. Dafür hat sich Bizarro-Autor Mykle Hansen, der - wo sonst? - in Portland, Oregon, lebt, extra eines der beliebtesten Feindbilder unserer Gegenwart herausgepickt, den skrupellosen Manager. Marv Pushkin heißt er und ist ein wirklich sensationelles Arschloch - dementsprechend politically incorrect geht es auch zu, wenn Marv erst mal losledert. Dumm nur, dass Marv während des Teambuilding-Seminars, für das er seine vermeintlich unfähigen MitarbeiterInnen zur Bärenjagd in die Wildnis geschleppt hat, seinen protzigen SUV zuschanden gefahren hat und jetzt völlig hilflos unter dem Wrack eingeklemmt herumliegt. Was ihm im Verlauf der folgenden Tage und Nächte widerfährt, zeigt der Titel ... und der bezieht sich nicht etwa auf den blutigen Höhepunkt der Novelle, sondern auf deren gesamten Inhalt. Als die Handlung beginnt, ist der erste Fuß schon abgenagt - weitere Körperteile werden folgen.

    "You think you have problems? I'm being eaten by a bear! Oh, but I'm sorry, forgive me, let's hear about your problems. Mmm-hmm? So, your boss is mean to you? Is your car not running well? Perhaps you're concerned about the environment. Boo, hoo! Your environment just ate my foot!" - Mit diesen Worten beginnend schleudert uns Marv über 129 Seiten hinweg seinen Hass auf Gott und die Welt ins Gesicht, und so langsam schält sich aus der verbalen Kanonade heraus, wie mies der Borderliner wirklich ist. Hat er doch nicht nur seine Büro-Geliebte mit zur Bärenjagd genommen, sondern auch seine trampelige Ehefrau Edna. Der hat er zuvor extra einen Pelzmantel und eine Bärenfellmütze gekauft, aber ach, die dumme Kuh wollt's einfach nicht anziehen. Es geht eben alles vollkommen schief: Erst Marvs perfider Mordplan, dann die "Was-tun-bei-einer-Begegnung-mit-einem-Bären"-Vorschläge aus dem Handbuch, dann das verzweifelte Grabschen nach einem Snack-Riegel, der neben Marv im Wrack liegt. (Man merkt schon: Marvs Ziele werden im Verlauf der Erzählung immer kleiner ... durchaus parallel zu seinem Körper.) Marv zweifelt aber keine Sekunde daran, dass er noch gerettet wird und spitzenmäßige Ersatzfüße transplantiert bekommt - doch damit treibt ihn angesichts der Inkompetenz der gesamten Welt schon die nächste Sorge um: I just have to somehow make sure they don't graft negro feet onto me. I wish I had a Sharpie, I could write WHITE FEET ONLY PLEASE on my arm or some place on my body where neurosurgeons would see it.

    Doch sieht es immer mehr danach aus, als bliebe die einzig verlässliche Größe in Marvs derzeitigem Leben der Bär, der in regelmäßigen Abständen vorbeischaut, um wieder ein bisschen an ihm herumzufressen. Kein Wunder, dass Marv im fortschreitenden Schmerzmittel-Wahn irgendwann anfängt, den Bären als seinen einzigen Freund zu betrachten. Marvs Halluzinationen sind im Grunde das einzige, was sich bei großzügiger Auslegung als Phantastik-Element bezeichnen ließe - aber beim Output der Bizarro-Verlage will ich da mal nicht so streng sein; erst recht nicht bei einem derart unterhaltsamen Buch. "Help! A Bear Is Eating Me!" ist die geifersprühende Schimpftirade eines Mannes, der zusehends den Verstand verliert. "A Tragic Comedy" lautet der Zusatz am Cover - doch die Tragik liegt ganz auf Marvs Seite ...

    In der nächsten Rundschau ist die schon vor längerer Zeit angekündigte Sammlung optimistischer Science Fiction dran, außerdem wird's Zeit, die eine oder andere angebrochene Trilogie abzuschließen. Und beizeiten sollten endlich auch Wiederveröffentlichungen der Werke zweier meiner absoluten LieblingsautorInnen auf den Markt kommen: James Tiptree, Jr. und Cordwainer Smith. Einen guten Rutsch derweil! (Josefson)

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