Pisa-Loser Österreich

7. Dezember 2010, 14:55
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Die Pisa-Studie bringt ein schlechtes Ergebnis - Wenn die Chancengleichheit in Zukunft gegeben sein soll, müssen sich jetzt alle zusammenreißen

Das Ergebnis der Pisa-Studie 2009 wurde offiziell präsentiert. Es ist - wie schon vermutet wurde und wie es auch wenig überraschend ist - für Österreich schlecht ausgefallen. Österreichs SchülerInnen hinken beim Lesen im internationalen Vergleich stark nach. Auch die Ergebnisse in Mathematik und den Naturwissenschaften sind nicht berauschend.

Die Veröffentlichung der Pisa-Studie zeigt einmal mehr, dass Österreichs Bildungspolitik in den letzten Jahren versagt hat. In Österreich ist eine gute Schulausbildung nicht garantiert, viele Schulabgänger können nicht sinnerfassend lesen. SPÖ und ÖVP müssen den Ernst der Lage erkennen und handeln, wenn 28 Prozent der 15- und 16-jährigen Österreicher nicht sinnerfassend lesen können.

Dramatisch ist besonders, dass die Unterschiede groß sind, was die sozioökonomische Herkunft der SchülerInnen betrifft. Das Bildungssystem schafft es nicht, die Herkunft auszugleichen. In anderen Ländern gelingt das sehr wohl. Sicher bleiben Unterschiede, aber sie sind nicht so ausgeprägt. Im Vergleich zur Pisa-Studie 2006 ist der Einfluss des familiären Umfeldes noch größer geworden und wirkt sich noch stärker aus. 

In Österreich gibt es nach wie vor ein duales Schulsystem. Das ist schlicht veraltet und es begünstigt die Vererbung des Bildungslevels. Wir brauchen eine gemeinsame Schulausbildung, zumindest bis zum 15. Lebensjahr und vor allem im städtischen Bereich. Denn auch das wird in der Studie thematisiert: Je früher die Aufteilung auf verschiedene Zweige stattfindet, desto größer sind im Alter von 15 Jahren die Unterschiede bei den Schülerleistungen nach sozioökonomischer Herkunft.

Hier ist vor allem die ÖVP gefordert, die sich seit Jahren gegen die Gesamtschule verwehrt. Es muss Schluss damit sein, dass eigene Begehrlichkeiten wichtiger sind, als die Zukunft vieler junger SchülerInnen in Österreich.

Wie sehr die Moral in der Bildungsdebatte am Boden liegt zeigt die Warnung der OECD, die österreichischen Ergebnisse seien nur mit Vorbehalt zu betrachten. Die Pisa-Studie wurde nämlich zu dem Zeitpunkt durchgeführt, als heftig wegen der geplanten Ausweitung der Lehrerarbeitszeit gestritten wurde. Schüler-Vertreter riefen zum Boykott auf. Offensichtlich haben sich einige SchülerInnen daran gehalten. Die Boykott-Fragebögen wurden freilich aussortiert, trotzdem hat die OECD Bedenken.

Wie sich jetzt zeigt, war die Kritik am Vorschlag von Bildungsministerin Claudia Schmied zum Teil berechtigt. Denn auch auf die Stellung der Lehrer nimmt die Pisa-Studie Bezug: Höhere Lehrergehälter würden in Verbindung mit besseren Schülerleistungen stehen, jedoch nicht geringere Klassengrößen.

Es geht also insgesamt um eine Aufwertung. Jeder muss seine Begehrlichkeiten zurück nehmen. Es hilft nichts, auf die Lehrer zu schimpfen, genau so wenig, wie es hilft, Bildungsministerin Schmied vorzuwerfen, sie tue nichts. Sonst wird die nächste PISA-Studie auch nicht besser ausfallen als die bisherigen. Wobei das ja noch zu verschmerzen wäre. Aber vielen Schülern die Zukunft zu verbauen, ist nicht verschmerzbar. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 7.12.2010)

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