Der Pisa-Test zeigt nicht alles

6. Dezember 2010, 18:41
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Die geringe gesellschaftliche Bedeutung von Kultur und Bildung rächt sich jetzt

Die Antwort, die man in diesen Stunden von allen Bildungsexperten zu hören bekommt, lautet: Gesamtschule. Danke, ja, verstanden. Was aber genau war die Frage? Sie lautete: Können Österreichs Schüler die Aufgaben des Pisa-Tests lösen?

Sie können es offensichtlich viel schlechter als andere. Selbst wenn man die massiven - und selten hinterfragten - Probleme der österreichischen Statistikerstellung außer Betracht lässt: Es passt in das gefühlte Bild von der österreichischen Schule, dass sie immer schlechter auf das Leben vorbereitete junge Menschen ins Leben entlässt. Ein ähnlicher Befund ergibt sich auch aus einer Market-Umfrage unter Managern: Lehranfänger können sich demnach immer schlechter konzentrieren, können sich Anordnungen immer schwerer merken und setzen sie schlecht um. An der Selbstständigkeit mangelt es und am schriftlichen Ausdruck.

Die Pisa-Studie bestätigt, was alle spüren: Nach der Pflichtschule können viele Jugendliche kaum sinnerfassend lesen, sie haben ein Mathematikverständnis, das international kaum mithalten kann, und sie sind für die Berufswelt nur bedingt vorbereitet. Man darf höflich bezweifeln, dass die in den vergangenen Wochen so leidenschaftlich diskutierte Verteilung der Zuständigkeiten für die Lehrer zwischen Bund und Ländern irgendeinen Einfluss darauf hat. 

Auch die Zweifel vieler ÖVP-Politiker an den segensreichen Wirkungen einer Gesamtschule haben etwas für sich. Immerhin haben wir bereits ein Gesamtschulsystem in Österreich. Es heißt Volksschule und sollte unter anderem Kindern zwischen sechs und zehn Jahren das Lesen beibringen. Wenn die Pisa-Studie nun schlechte Ergebnisse für die Lesefähigkeit ausweist, dann kann man daraus schwerlich eine Empfehlung ableiten, solche Basisbildung in einer Gesamtschule zu vermitteln. Vielen Menschen fehlt einfach die Volksschulbildung - übrigens nicht nur im Lesen, sondern oft auch im Rechnen, im richtigen Umgang mit Mitmenschen, im Verständnis für fremde Meinungen, kurz: in dem, was unsere Kultur ausmacht. Unbestritten ist, dass unser Schulsystem kaum Chancen bietet, da etwas nachzulernen - was Hänschen nicht lernt, kann Hans dann eben auch beim Pisa-Test nicht. 

Ob Hans es im späteren Leben doch noch lernt, ist offen. Einerseits bestätigen Manager den Arbeitnehmern hohe Motivation zur Weiterbildung - andererseits sind Menschen mit ausschließlicher Pflichtschulbildung auf (oder wohl oft: unter) Pisa-Niveau mit dem größten Risiko von Berufsversagen behaftet. 

Eine Schule, in der elf, 13 oder vielleicht auch erst 16 Jahre alte Schüler ohne Stigmatisierung nachlernen können, was sie in der Grundschule versäumt haben, wäre eine Abhilfe - ob diese Schule nun Gesamtschule heißt oder anders, ist eine Frage der ideologischen Prägung. Jenseits der unseligen, nun gut 40 Jahre dahindümpelnden Diskussion um die Schulorganisation muss aber klar sein, dass die Schule allein nicht leisten kann, was die Gesellschaft versäumt hat.
In den bei Pisa - und auf dem Weltmarkt - erfolgreichen Ländern gibt es hohe Wertschätzung für Lehrer und für Bildung: Undenkbar, dass dort gestandene Manager die Fächer Mathematik, Physik und Chemie als zweitrangig einstufen würden. In erfolgreichen Ländern ist Kultur eine Sache der gesamten Bevölkerung. Mit dem Lesen fängt sie an. Tun wir es öfter! (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2010)

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