"ÖVP steht für mich für Reformkraft"

12. Mai 2003, 13:07
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Christoph Rohr will die Studiengebühren als "Druckmittel" einsetzen - Der AG-Spitzenkandidat im derStandard.at-Interview

Von 20. bis 22. Mai 2003 wählen an die 200.000 Studierenden an den österreichischen Universitäten ihre neue Vertretung. Es ist dies der erste Urnengang seit der Einführung der Studiengebühren. Zur Wahl stehen dutzende Listen, sieben Fraktionen haben es bei den letzten Wahlen im Jahr 2001 in die Bundesvertretung geschafft.

derStandard.at befragte die SpitzenkandidatInnen der ÖH-Fraktionen, die derzeit Sitz und Stimme auf Bundesebene haben. Den Anfang macht Christoph Rohr, Spitzenkandidat der derzeit stimmenstärksten Gruppe, der Aktionsgemeinschaft. Seine Fraktion musste vor zwei Jahren schwere Verluste einstecken und ging in Opposition. Ziel des Wiener BWL-Studenten ist es, für seine Fraktion den ÖH-Vorsitz von der linken Exekutive wieder zurückholen. Das Interview führte Sonja Fercher.

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derStandard.at: Was studierst du?
Christoph Rohr: BWL an der WU Wien

derStandard.at: Was war die letzte Prüfung, die du gemacht hast?
Christoph Rohr: Arbeits- und Sozialrecht

derStandard.at: Wie finanzierst du deine Studiengebühren? (Eltern, mehr arbeiten..)
Christoph Rohr: Einen Teil meine Eltern. Den Rest dadurch, dass ich verstärkt Nebenjobs mache und den Gürtel etwas enger geschnallt habe.

derStandard.at: Wenn die ÖH für einen Tag die Universitäten so umgestalten könnte wie sie wollte, welche fünf Dinge würdest du als Erstes ändern?
Christoph Rohr: 1) Abschaffung der Studiengebühren Beseitigung der Missstände und Ungerechtigkeiten; 2) praxisbezogenere Ausbildung am Ende des Studiums Ökologisierung des Universitätsbetriebs; 3)Partnerschaftliches Verhältnis zwischen Universitätsangehörigen und Studierenden: "Ich will mich auf der Uni wohlfühlen".

derStandard.at: Nenne eine Eigenschaft, die deine Fraktion unentbehrlich in der Studierendenpolitik macht.
Christoph Rohr: Wir arbeiten ständig daran die Wünsche der Studierenden aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass von den zuständigen Stellen erfüllt werden. Wir sind die einzigen, die sich als oberste Priorität die Verbesserung der Studienbedingungen zum Ziel gesetzt hat.

derStandard.at: Welche Partei würdest du zur Zeit am ehesten wählen und warum?
Christoph Rohr: Die Grünen oder die ÖVP, weil ich mir eine Schwarz/Grüne Regierung gut vorstellen kann. Die ÖVP traut sich die wirklich heißen Eisen anzupacken und steht für mich für Reformkraft. Auf der anderen Seite haben die Grünen ein besseres soziales Gewissen und würden somit ein Gleichgewicht darstellen. Hinzukommt, dass sie mir in der Hochschulpolitik näher stehen, weil sie die Studiengebühren abschaffen wollen.

derStandard.at: Erzähle drei Beispiele des letzten Semesters, wo du einem/r Studierenden konkret weiterhelfen konntest.
Christoph Rohr: 1.) Vor kurzem ist es mir mit einem Anruf gelungen, einem verzweifelten Student noch einen Platz in einer LV zu verschaffen. 2.) Erst letzte Woche habe ich einer berufstätigen Studentin mit den Wirr-Wars des Stipendiensystems geholfen. 3.) Nur so viel: Die Studentin bei der letzten Prüfung war sicher froh über die Hilfe bei Frage 2. und 5.

derStandard.at: Was hältst du von deinen KonkurrentInnen?
Christoph Rohr: Grundsätzlich ist es positiv, wenn es so viele Studierende gibt, die sich für Studierende einsetzen und soviel Zeit und Energie opfern. Das wir oft unterschiedlicher Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Manche Meinungen sind uns einfach zu extrem (RFS und KSV); andere setzen unserer Meinung nach die falschen Schwerpunkte. Für uns stehen die Verbesserung der Studienbedingungen und die Probleme direkt vor Ort an der Uni im Mittelpunkt.

derStandard.at: Mit wem würde deine Fraktion am liebsten zusammenarbeiten, sollte sich die absolute Mehrheit für euch nicht ausgehen ;-) ?
Christoph Rohr: Mit allen bis auf den RFS und den KSV, die sind uns zu extrem.

derStandard.at: Durch das neue UniG wurde die Mitbestimmung der ÖH beschnitten, es gibt Studiengebühren. Kann denn die ÖH noch tatsächlich was für die Studierenden tun?
Christoph Rohr: Durch die eingeschränkte Mitbestimmung muss sich die ÖH selbst sicherlich auch erst neu positionieren und neue Wege und Mittel finden, um die Anliegen der Studierenden umzusetzen. Wir als AktionsGemeinschaft fordern daher die Einführung der Geld-zurück-Garantie, wo die Studiengebühren erstmals als Druckmittel eingesetzt werden. Denn wir haben ein mächtiges Druckmittel um zu einer Verbesserung der Studienbedingungen zu kommen, nur müssen wir dieses nun auch einsetzen.

derStandard.at: Soll sich die ÖH auch politischen Themen äußern, die nicht direkt die Universitäten betreffen?
Christoph Rohr: Natürlich ist es Aufgabe einer studentischen Interessensvertretung sich auch zu allgemeinpolitischen Fragen zu äußern. Es kann jedoch nicht sein, dass das ganze so überhand nimmt, wie in den letzten zwei Jahren. Denn da hat sich die ÖH zu jedem und allem geäußert, nur die wirklichen Probleme der Studierenden direkt an der Uni vergessen. Mit dem Ergebnis, dass die Koalition aus GRAS/VSSTÖ/ehem.KSV nichts konkretes umgesetzt hat.

derStandard.at: Es gibt immer mehr Fachhochschulen und schon lange wird immer wieder gefordert, dass die Studiengänge sich stärker an der Praxis orientieren sollen. Wozu brauchen wir überhaupt noch Unis?
Christoph Rohr: Fachhochschulen sind viel spezialisierter als Unis und bieten somit auch eine andere Art von Ausbildung. Sie stehen nicht in Konkurrenz zur Uni, sondern erweitern das Bildungsangebot in Österreich. Die Unis sind jedoch sicherlich unter Druck geraten und müssen lernen praxisnäher zu werden. Doch nur eine Universität bietet auch eine wissenschaftliche Ausbildung.(sof/rasch/miS)

  • Der 23-jährige BWL-Student Christoph Rohr ist Spitzenkandidat der VP-nahen Aktionsgemeinschaft.
    foto: derstandard.at/ag/alice schnür

    Der 23-jährige BWL-Student Christoph Rohr ist Spitzenkandidat der VP-nahen Aktionsgemeinschaft.

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