U20-WM-Kader mit Überraschungen

29. November 2010, 20:56
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Knapp zwei Wochen vor der U20-WM der Division I in Bled präsentiert und kommentiert Teamchef Die­ter Werfring exklusiv in unserem Eishockey-Blog seinen Kader

Nach dem letztjährigen Kurzbesuch in der Weltelite kämpft Österreichs U20-Nationalteam heuer wieder in der Division I um WM-Medaillen. Vom 12. bis 18. Dezember spielt die Mannschaft von Teamchef Dieter Werfring in Bled (Slowenien) gegen Litauen, Kasachstan, Kroatien, Dänemark und die Gastgeber um den Wiederaufstieg unter die zehn besten Nachwuchsteams der Welt. Eine Mission, für die folgender, exklusiv in der "Crunch Time" veröffentlichter Kader nominiert wurde.

Torhüter
Christoph Lindenhofer (EHC Linz), Thomas Dechel (Vienna Capitals), Andreas Brenkusch (Klagenfurter AC)

Überraschende Auswahl auf der Torhüterposition! Mit Ausnahme von Andreas Brenkusch, der 2009 zwei Spiele für die U18 absolvierte, kann keiner der drei Torhüter auf WM-Erfahrung verweisen. Anzumerken ist auch, dass die IIHF-Bestimmungen vorsehen, dass ein Team nur zwei Torhüter für das Turnier nominieren darf. Welcher der drei Goalies dieser Regel zum Opfer fällt, wird erst nach dem Vorbereitungscamp in Villach entschieden. Werfrings Auswahl dokumentiert auch, dass er der aktuellen Formentwicklung erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken scheint: Wäre für die meisten Beobachter des österreichischen Nachwuchshockeys vor einem halben Jahr ein WM-Kader ohne Villachs Manuel Skacal wohl unvorstellbar gewesen, so rutschte dieser nach einem eher durchwachsenen Saisonstart aus der Mannschaft. Christoph Lindenhofer, der sicherlich den Vorteil der täglichen Zusammenarbeit mit dem Teamchef genießt (Anm.: Dieter Werfring ist auch Nachwuchsleiter des EHC Linz), wusste beim stark besetzten Vorbereitungsturnier in Dänemark Anfang November zu überzeugen. Mit Thomas Dechel, dem einzigen Goalie des Jahrgangs 1992 im vorläufigen Kader, erhält auch jener österreichische Nachwuchstorhüter, der sich in den letzten Monaten wohl am besten weiterentwickelt hat, seine Chance.

Der Teamchef-Kommentar: "Auch auf Basis der Erfahrungen der letzten WM-Turniere habe ich mich im Tor für drei nervenstarke Spieler entschieden, die dem Team die nötige Ruhe und Sicherheit vermitteln können. Alle drei Goalies sind charakterlich schwer in Ordnung und bestechen neben ihrer Abgeklärtheit vor allem durch ihr gutes Skating - ein Qualitätsmerkmal moderner Torhüter."

Abwehr
Nicolas Paul, Alexander Haase, Georg Waldhauser (alle EC Salzburg), Bernhard Fechtig (EC Dornbirn), Mathias Grabner (VEU Feldkirch), David Lindner (HC Innsbruck), Clemens Unterweger (EK Zeller Eisbären), Kevin Essmann (Villacher SV)

Österreichs großes Manko vom A-Nationalteam bis weit in die Nachwuchsauswahlen hinein ist der eklatante Mangel an adäquaten Abwehrspielern. Ein Umstand, der sich auch aus dem Kader für die diesjährige U20-WM ablesen lässt, traf sich die Auswahl der Verteidiger doch fast von selbst. Vier Defender aus der im Vorjahr bei der WM so enttäuschenden U18 sind auch heuer wieder mit dabei, die großen Überraschungen im Kader sind mit Mathias Grabner und David Lindner zwei Cracks des 1991er-Jahrgangs, die bisher noch nie im WM-Kader eines Nachwuchsnationalteams standen. Auffällig ist, dass Dieter Werfring in der Abwehr eher auf körperlich starke Spieler setzt. Der noch für die U18 spielberechtigte Villacher Christian Ofner, einer der spielstärksten Verteidiger in der österreichischen U20-Liga, wird am Vorbereitungscamp teilnehmen, nicht aber an der WM. Interessant auch die Nominierung seines Klubkollegen Kevin Essmann, der eigentlich Stürmer ist, in den letzten Wochen im Team aber auf der Verteieigungsposition getestet wurde. Dass in einem Nationalteam ein Angreifer zum Abwehrspieler umgelernt werden muss, macht anschaulich, wie dünn die Personaldecke in der Defensive im österreichischen Nachwuchs ist. Ein Trend, der sich in den nachfolgenden Jahrgängen sogar noch verstärken dürfte. Bemerkenswert: Kein einziger Defender im Kader verfügt über U20-WM-Erfahrung.

Der Teamchef-Kommentar: "Die Abwehr ist ganz generell der problematischste Bereich im österreichischen Nachwuchshockey, im Endeffekt war es ein Kreis von maximal 15 Spielern, aus dem ich hier nominierten konnte. Bernhard Fechtig sehe ich als eines der großen Versprechen für die Zukunft in diesem Mannschaftsteil, ein sehr kompletter Abwehrspieler mit guten Anlagen. Gleiches gilt auch für Nicolas Paul, dem jüngsten Spieler im Kader, der gleichzeitig der einzige Abwehrspieler im Team ist, der in der EBEL zum Einsatz kommt. Mathias Grabner und David Lindner sind klassische Stay-at-home-Defender. Die dünne Personaldecke führte dazu, dass wir Kevin Essmann in den letzten Wochen in der Verteidigung getestet haben, was gut funktionierte. Er erweitert meine Variationsmöglichkeiten, da er gegebenenfalls natürlich auch im Sturm aufgeboten werden kann. Der Großteil der Abwehrspieler kommt in der Nationalliga zum Einsatz, etwa Clemens Unterweger, der in Zell zu einem zentralen Akteur im Spielaufbau reifte. Bei den Salzburgern Alexander Haase und Georg Waldhauser ist es so, dass sie heuer erst relativ wenige Bewerbsspiele in den Beinen haben, dafür profitieren sie von den guten Trainingsbedingungen in ihrem Klub."

Angriff
Kevin Puschnik, Markus Pöck, Fabio Hofer, Marco Brucker (alle EC Salzburg), Christoph Herzog, Patrick Platzer, Marius Göhringer (alle Villacher SV), Konstantin Komarek (Luleå Hockey/SWE), Max Wilfan (ATSE Graz), Peter Schneider (Indiana Ice/USA), Nikolaus Hartl (EK Zeller Eisbären), Emilio Romig (HC Zlín/CZE)

Während sich der Kader in der Abwehr aufgrund der geringen Anzahl an adäquaten Spielern fast von selbst zusammenstellt, gibt es im Sturm bedeutend mehr Alternativen. Ein Umstand, dem beispielsweise die in der U20-Liga stark dominierenden Thomas Meinhardt (VSV) und Mario Seidl (Wien) zum Opfer fielen. Schlüsselspieler im österreichischen Angriff ist zweifellos Luleås Konstantin Komarek, der schon im Vorjahr im Kreise der Weltelite eindrucksvoll auf sich aufmerksam machte. Mit Christoph Herzog steht ein WM-Debütant im Kader, der sich in den vergangenen Monaten zu einem starken Defensivcenter entwickelt hat. Bei den Salzburgern Markus Pöck und Fabio Hofer ist zu hoffen, dass sie ihr unbestrittenes Potential auch endlich in einem WM-Turnier aufs Eis bringen. Großes Interesse gilt auch den Leistungen von USHL-Legionär Peter Schneider, dem manche schon im Vorjahr bei den World Juniors den Durchbruch im Nationalteam zutrauten.

Der Teamchef-Kommentar: "Im Sturm war die Zahl der Kandidaten für den WM-Kader natürlich bedeutend größer, dementsprechend haben wir in den freundschaftlichen Länderspielen und in der Testspielserie gegen die Nationalligaklubs viele verschiedene Varianten probiert und auch vielen Spielern die Chance ermöglicht, sich zu beweisen. Keyplayer sind neben dem hervorragenden Konstantin Komarek, der aktuell nicht umsonst in der Elitserien zum Einsatz kommt, auch Kevin Puschnik, der dorthin geht, wo es weh tut, und Markus Pöck, der vom Spielstil her an Thomas Vanek erinnert. Marius Göhringer, Patrick Platzer und Nikolaus Hartl werden eine Linie bilden, sie sind prädestiniert für druckvolles Powerhockey. Marco Brucker, Max Wilfan und Christoph Herzog werden zentrale Rollen im bei Division I-Turnieren immer besonders wichtigen Penaltykilling übernehmen. Im Vorbereitungscamp in Villach wollen wir eine gute Stimmung und einen positiven Spirit im Team aufbauen, die Spielertypen dazu stehen jedenfalls im Kader."

Das U20-Nationalteam rückt am 6.Dezember zum finalen Camp nach Villach ein, am 11.Dezember übersiedelt man nach Bled, wo man am Nachmittag des 12.Dezember gegen Litauen ins Turnier startet. Die "Crunch Time" wird sowohl im Vorfeld als auch während der Weltmeisterschaft umfassend vom Höhepunkt des Jahres im österreichischen Nachwuchs-Eishockey berichten.  (derStandard.at, 29. November 2010)

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