Vertrauensverlust zwischen Verbündeten

29. November 2010, 19:30
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Zweifel an den Türken: Der zweitgrößte Teil der Depeschen kommt aus der US-Botschaft in Ankara

Dass Eric Edelman, der frühere US-Botschafter in Ankara, kein glühender Anhänger der konservativ-muslimischen Regierungspartei AKP ist, war schon bekannt. Jetzt aber hat es der türkische Premierminister Tayyip Erdogan schwarz auf weiß: "überbordender Stolz" und "grenzenloser Ehrgeiz" kennzeichnen seinen Charakter, so schrieb Edelman 2004 über den Regierungschef; autoritär sei er dazu, "außergewöhnlich dünnhäutig" und misstrauisch gegenüber Frauen.

Erdogan gab sich am ersten Tag der Depeschen-Flut von Wikileaks gelassen und einen Tick schadenfroh. "Warten wir ab, was Wikileaks noch herausbringt, dann sehen wir uns an, ob es wichtig ist oder nicht. Denn die Glaubwürdigkeit von Wikileaks ist fragwürdig" , sagte der Premier am Montag. Dann flog er ab nach Libyen zu einem weiteren seiner Besuche in den arabischen Staaten, die mit so viel Argwohn von der US-Regierung verfolgt werden, wie die geheimen Berichte der amerikanischen Diplomaten nach Washington zeigen.

Mit 7918 Dokumenten aus den Jahren 2002 bis 2010 steuert die US-Botschaft in Ankara den zweitgrößten Teil der Depeschen bei, die Wikileaks an die Öffentlichkeit gebracht hat. Das mag die Bedeutung zeigen, die die Internetpiraten den Problemen in den türkisch-amerikanischen Beziehungen geben wollten. Seit dem Wahlsieg der AKP im November 2002 gehen Washington und Ankara durch ein Wechselbad: Die Türkei ist ein wichtiger Verbündeter der USA in der Nato, für den Krieg in Afghanistan, im Irak, als Drehscheibe für Energielieferungen in den Westen; zugleich beobachtet Washington mit wachsenden Zweifeln die Islamisierung der türkischen Gesellschaft und die "Politik der null Probleme" mit den Nachbarn, allen voran dem Iran und Syrien.

An unfreundlichen Kommentaren mangelt es nicht: Ahmet Davutoglu, der amtierende türkische Außenminister, sei ein "gefährlicher Mann" , die AKP-Vertreter in den Ministerien "inkompetent" , auch wenn andere sich als durchaus lernfähig erwiesen.

Mustafa Kibaroglu, Politologe an der Bilkent Universität in Ankara, sieht einen massiven Schaden für die internationalen Beziehungen: "Mit dem Stil und der Sichtweise, die in diesen Depeschen zum Ausdruck kommen, ist das Vertrauen unter den Regierungen aus dem Fenster geworfen worden. Wie sollen Regierungen im Kampf gegen den Terrorismus noch kooperieren, wenn sie sich erinnern, was die Amerikaner über sie geschrieben haben?" (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2010)

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    "Überbordender Stolz, grenzenloser Ehrgeiz" : der türkische Premier Tayyip Erdogan in der Charakterisierung des früheren US-Botschafters.

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