Verhinderter Jägermeister, eifersüchtiger Platzhirsch

29. November 2010, 18:18
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Das Selbstbild des mutigen Reformers ist ramponiert: Vor seiner Budgetrede steckt Vizekanzler Josef Pröll in einer Imagekrise - Und die hat viel mit seinem Onkel Erwin zu tun. Porträt einer vertrackten Politikerbeziehung

Wien - Es ist eines dieser tückischen Fotos, die Politikern lange nachhängen können. Erwin und Josef Pröll sind darauf zu sehen, sie stecken die Köpfe zusammen, lächeln einander an. Eine Aufnahme fürs Familienalbum - wenn das Treffen vor wenigen Tagen einem der beiden nicht einen schweren Imageschaden beschert hätte.

Es war Neffe Josef, der seinem Onkel Erwin und den anderen Landeshauptleuten zum Entsetzen aller Experten mehr Macht in der Schulpolitik versprach. Das Selbstbild des tabulosen Staatsreformers hat der Vizekanzler damit arg ramponiert - justament vor seiner Budgetrede am Dienstag. Ex-EU-Kommissar Franz Fischler fasst einen auch in der ÖVP verbreiteten Eindruck zusammen: "Josef Pröll traut sich nicht gegen den Herrn Onkel anzutreten, der sich mit dem Wiener Bürgermeister eine Bundesregierung hält."

Kam es also so, wie Böswillige prophezeiten? Ist der Junge bloß Erfüllungsgehilfe des Alten? Auf den ersten Blick lassen die Pröll'schen Biografien auf eine typische Fußstapfen-Saga schließen. Beide sind im Weinviertler Dorf Radlbrunn geerdet, studierten an der Boku, nutzten den Bauernbund als Sprungbrett. Verlässliches Bauchgefühl für Stimmungslagen gilt ebenso als geteilte Stärke wie der familieneigene Charme, der auch jenseits der Parteigrenzen zieht. Den "politischen Infight", die Überzeugungsarbeit von Angesicht zu Angesicht, nennt Josef Pröll als gemeinsame Kernkompetenz. Auch des Neffen Haarpracht nähert sich allmählich Erwins legendärer Glatze an.

"Eine gewisse Oberflächlichkeit", fügt Fischler als Parallele hinzu. "Beide sind keine Intellektuellen, die sich selbst hinterfragen", sagt der Ex-ÖVP-Grande, "sie sind Macher- und Machttypen, die eher spontan entscheiden statt nach einer Konzeption. Oder erkennen Sie beim Budget eine?"

Dennoch haben sich die Wege der Prölls getrennt - nicht nur geografisch. Während sich's der Senior wie ein "postbarocker Patriarch" (Fischler) in Niederösterreich einrichtete, zog es den Junior in komplexere Gefilde. Als Mitarbeiter im EU-Parlament und als Kabinettschef von Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer erwarb er sich für schwarze Niederösterreicher nicht selbstverständliche Eigenschaften: Kompromissbereitschaft, ein offenes Ohr für abweichende Meinungen. Der auf gefügige Lokalmedien gestützte Landeshauptmann hingegen begreift Debatten gerne als Einbahnstraße. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort widerspricht, riskiert einen Wutausbruch.

Weinbäuerliche Wurzeln

"Josef Pröll ist ruhiger und runder - auch nach außen", urteilt Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, der beiden "tiefe Verwurzelung im Bäuerlichen" attestiert. Der Banker hält mit seiner Zuneigung nicht hinterm Berg, er hätte den Nachwuchs-Pröll fast zum Nachfolger als Landesjägermeister gemacht - wenn dieser 2003 nicht zum Landwirtschafts- und Umweltminister avanciert wäre. Welche Rolle beim Aufstieg Name und Onkel gespielt haben? "Völlig wurscht", meint Konrad.

Josef Pröll muss seinem Mentor da widersprechen. Es kam schon vor, dass die prominente Verwandtschaft lästig war, erzählt der heute 42-Jährige im Standard-Gespräch - wenn er in der Schule für schlechte Noten hin und wieder Schadenfreude erntete. Das hektische Leben des Onkels, der oft Politikerkollegen "zu endlosen Debatten" an den heimatlichen Küchentisch lud, schreckte den "Sepp" anfangs auch eher ab. Erst mit 33 kratzte er doch noch die Kurve in seine heutige Karriere.

Verlust an Leadership

Seit der junge Pröll Minister wurde, sei der Schatten des alten stark gewachsen, erzählen Insider. Von Eifersüchteleien ist die Rede, Platzhirsch Erwin soll sogar gemeinsame Auftritte vermieden haben. "In seiner Nomenklatura hat sich beim Erwin das Selbstverständnis breitgemacht, dass es nur einen Pröll geben kann", sagt ein Weggefährte beider Politiker, "dabei würde er als Bundespolitiker nach spätestens drei Wochen grandios scheitern."

So fest Erwin Pröll, Landeshauptmann seit 1992, sein Reich per absoluter Mehrheit auch im Griff hat - eine Ebene darüber hat er sich mehrfach verrannt. Der jüngste Fehlschlag, die verhinderte Kandidatur als Bundespräsident, gilt als Quell des bisher größten Familienkonflikts. Nicht nur schlechte Umfragen und knausrige Sponsoren sollen Pröll, dem Älteren, die Tour vermasselt haben, sondern auch der Vizekanzler von eigen Fleisch und Blut, der einen Pröll-Overkill bei den Wählern befürchtet habe. Es gibt Stimmen, die Erwin Prölls Drängen auf mehr Ländermacht an den Schulen für die verspätete Revanche halten.

Warum Josef Pröll dem Schulplan zugestimmt hat? Die einen sprechen von einer Retourkutsche gegen die SPÖ, die sich mit Erwin Pröll gegen die vom Neffen propagierte Verwaltungsreform verbündet habe, die anderen von einem Abtausch, der im Gegenzug die Spitäler zum Bund bringen soll. Der Vizekanzler selbst sieht einen Verhandlungserfolg: Schließlich hätten die Länder ursprünglich noch viel mehr Einfluss gefordert.

Durchgekommen ist Pröll mit dieser Interpretation kaum. Einen "Verlust an Leadership" beklagt ein ÖVP-Abgeordneter und erinnert an Wolfgang Schüssel, der gezielt die Konfrontation mit den Landeshäuptlingen gesucht habe - allerdings mit einem willfährigen Koalitionspartner und der Autorität des ersten schwarzen Kanzlers seit 30 Jahren. In der derzeitigen Konstellation registriert Ex-Parteichef Erhard Busek einen Trend ins glatte Gegenteil: "Die ÖVP läuft Gefahr, dass der Parteiobmann zum Ehrenvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Landesparteichefs verkommt." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2010)

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