Falsche Beinamputation: Schuldsprüche gegen Ärzte

29. November 2010, 19:10
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Urteile vorerst nicht rechtskräftig

Innsbruck - Der Prozess gegen zwei Ärzte nach einer falschen Beinamputation bei einer 91-jährigen Patientin im Krankenhaus St. Johann in Tirol  -  - ist am Montag am Landesgericht Innsbruck mit zwei Schuldsprüchen wegen fahrlässiger Körperverletzung zu Ende gegangen. Der 61-jährige Operateur wurde zu einer unbedingten Geldstrafe von 10.000 Euro, der Mediziner, der den fehlerhaften Operationsplan erstellt hatte, zu 7200 Euro verurteilt. Zudem wurde der 91-Jährigen Patientin ein Teilschmerzensgeld von 5000 Euro zugesprochen. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

Er habe bis zur Operation nichts "rund um die Patientin" mitbekommen, sagte der Operateur. Laut Staatsanwaltschaft operierte der Arzt, ohne sich davor mit der Krankenakte der Patientin vertraut gemacht zu haben. Vor Gericht sagte der Mann, er habe überhaupt nicht operieren wollen und das habe er am Tag vor der OP auch artikuliert. Vor allem aus Zeitmangel, da er auf der Ambulanz eingeteilt gewesen war. Aus "Zeitmangel" hatte er sich dann auch nicht beschwert, als sein Name am folgenden Tag doch am Plan gestanden war. Er habe "keinen Ärger machen wollen", auch weil er nur einen befristeten Vertrag gehabt hätte. Wie am OP-Plan angegeben, amputierte der Arzt am 16. Juni das rechte Bein der Patientin.

OP-Plan diskutiert

Es sei durchaus üblich, sich an den OP-Plan zu halten, meinte auch der Anästhesist als Zeuge. Es habe aber Gespräche gegeben, ob "das rechte das richtige Bein sei". Vor Gericht erzählte der Operateur vom Anruf des mitangeklagten Arztes am Abend. Es sei etwas Schreckliches passiert, habe der Kollege gesagt, du hast das falsche Bein abgenommen. Er sei daraufhin sofort ins Spital gefahren und habe sich bei der Patientin und ihrer Familie entschuldigt. Der Angeklagte erklärt sich vor Gericht "schuldig". Im Gegensatz zu seinem mitangeklagten Kollegen. Dieser soll den OP-Plan falsch geschrieben haben. Obwohl auf den Fehler hingewiesen, wurde der Plan nicht ausgebessert. Er habe wohl ein Blackout gehabt. Und: Es sei unter Ärzten klar, dass nach einem OP-Plan keine Entscheidungen getroffen werden dürften.

Nach dem Vorfall ließ das Krankenhaus eine Risikoanalyse durchführen. Grund für das Unglück sei eine Verkettung von Fehlern gewesen. Seither gilt ein Acht-Punkte-Plan, der solche Unglücksfälle verhindern soll. (ver/DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2010)

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