Die Rettung der Welt ist weit entfernt

29. November 2010, 14:05
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Die politischen Eliten dieser Welt sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht - Von Regina Bruckner

Dieser Tage treffen sich Spitzenpolitiker aus aller Welt zum Klimagipfel im mexikanischen Cancún. Dabei soll eigentlich der Weg zu einem Abkommen geebnet werden, mit dem sich das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ersetzen ließe. Tatsächlich hätte dieser Schritt schon im Vorjahr beim Weltklimagipfel in Kopenhagen getan werden sollen. In Cancún, so der damalige Plan, sollte schon ein entsprechender Vertrag unterzeichnet werden. Nichts Geringeres als die Rettung der Welt sollte - wie mittlerweile nicht mehr nur Phantasten konzedieren - mit dem neuen Vertragswerk in die Wege geleitet werden. Diese wird wohl einmal mehr aufgeschoben werden.

Von einem neuen Klimaabkommen, das da beschlossen werden könnte, ist nämlich weit und breit nichts zu sehen. Viel weniger geht es in Mexiko um Fortschritte in Teilbereichen: Um den Waldschutz, um das Geld für die Anpassung an den Klimawandel, dessen Folgen von den Praktikern schon lange nicht mehr angezweifelt werden, um schnelle Hilfszahlungen der Industrieländer an arme Länder, die schon heute unter dem Klimawandel leiden.

Der Traum, dass Europa vorangehen und die anderen folgen werden, ist schon im Vorjahr in Kopenhagen eindrucksvoll gescheitert. Schon damals haben die weltpolitischen Köpfe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Der Vertreter Sudans hat das Verhalten der Industrieländer mit dem Holocaust verglichen. Chinas Staatschef stieß seine Amtskollegen vor den Kopf, indem er sich in seinem Hotelzimmer verschanzte. Der Vertreter, den er an seiner Stelle zu den Verhandlungen schickte, wurde von Frankreichs cholerischem Präsidenten Sarkozy zusammengestaucht. Die USA wollen nur minimale Einschränkungen hinnehmen und dem Konkurrenten China keinen Vorteil verschaffen. Die Chinesen empfinden verbindliche Verpflichtungen als Einschränkung der Wachstumschancen, und die Industrieländer sind weit davon entfernt, ihren C02-Ausstoß in den Griff zu bekommen.

Ivo de Boer war als Chef des UN-Klimasekretariats vier Jahre lang sozusagen Weltklimaminister, dann gab er nach dem Kopenhagener Gipfel auf. Um Jahre gealtert, wie seine Frau gesagt haben soll. Seine Kinder - sagte de Boer dieser Tage in einem Interview - empfänden die Klimapolitik als sehr kompliziert, weit weg von ihrer Realität. Dass sie Energiesparlampen und das Fahrrad bevorzugen sollen, verstünden sie wohl und stellen die berechtigte Frage: "Wenn das alles so wichtig ist, warum einigen sich die Regierungschefs dann nicht?"

Ja, warum nicht? De Boers Antwort fällt ziemlich ernüchternd aus: "Wenn Sie mit den Politikern persönlich sprechen, dann sind das alles sehr nette und sensible Leute. Wenn Sie sie aber gemeinsam in einen Raum sperren, dann ändert sich plötzlich alles." Dann bewegen die politischen Eliten dieser Welt Emotionen statt Visionen und die Angst vor Gesichts- und Ansehensverlust. Dass sich die Rettung der Welt nicht nur aus Visionen speisen kann, ist kein Geheimnis. Dass sie ganz ohne vonstatten geht, ist aber auch denkunmöglich. Bleibt zu befürchten, dass der Wald erst wieder gesehen wird, wenn es keine Bäume mehr gibt. (Regina Bruckner, derStandard.at, 29.11.2010)

 

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