"Küss meine Füße, du Opfer!"

26. November 2010, 19:42
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Max Eipps Theaterstück "Wut" spricht direkt einen Aspekt der Zuwandererproblematik an, nämlich die Perspektivenlosigkeit und Gewaltbereitschaft der einschlägigen Jugendgangs

Jedes Jahr werden ein paar tausend Schüler aus Niederösterreich und Wien in Theater getrieben, um sich dort "zeitkritische" Stücke anzusehen. Was sich im ersten Moment nach kontraproduktiver Zwangsbeglückung anhört, ist aber in der Realität ziemlich spannend - und schlägt bei den Schülern voll ein. Der Trick dabei ist, dass die Darsteller selbst Schüler sind, die vom "European Grouptheater" mittels eines Castings gefunden und zu beachtlicher Professionalität gebracht werden. Das ermöglicht Identifikation und löst bei den Schülern im Theater viel mehr - und spontanere - Reaktionen aus.

Diesmal wurde an einem Vormittag im Wiener Volkstheater vor fast 1000 Schülern des Stück "Wut" von Max Eipp gespielt, das vorher schon ein zunächst umstrittener, dann mit Preisen überhäufter deutscher TV-Film war. Es geht um den Zusammenprall zweier Welten - der geigespielende Sohn aus dem brüchigen Akademiker-Haushalt und der super-machistische Chef einer Jugendgang aus der patriarchalen türkischen Zuwandererfamilie. Die terminale Konfrontation zwischen dem überkompensierenden jungen Türken und der verlogen-scheißliberalen Professorenfamilie ist vielleicht etwas zu konstruiert.

Aber Autor Eipp hat einen exakten Blick für milieutypische Situationen. Das Stück trifft einen Nerv, das merkt man, wenn im Volkstheater bei einzelnen Szenen wildes Erkennungs- und Betroffenheitsgelächter ausbricht: Der junge Çan demütigt das Söhnchen aus gutem Haus Felix ("Küss' meine Füße, du Opfer!") - das Theater tobt. Wenn der verlogene Professorenvater "aufgemacht" wird - wilder Applaus. Eine Szene zwischen unterdrückter türkischer Kopftuchmutter und Pascha-Vater - ein Viertel des Saales lacht beklommen.

In der anschließenden Diskussion deklarierte sich etwa die Hälfte der Schüler auf Anfrage der Moderatorin als "Migrationshintergründler". Davon dürften wieder etwa die Hälfte türkischer Abstammung sein. Einer erklärte, trotz Staatsbürgerschaft könne er sich niemals als Österreicher fühlen ("geht nicht"), nur als Türke. Ein Mädchen mit Kopftuch widersprach heftig: Wenn man hier lebe und Staatsbürger sei, könne man mit dem Kopf - oder mit dem Herzen - nicht in der Türkei bleiben, selbst wenn man noch Kontakte habe. Großer Applaus.

Nur einer aus dem Publikum wagte es kurz, ein bisschen entlang der Strache-Linie zu fahren - er wurde niedergelacht. Die zum Teil beachtlichen jungen Darsteller haben syrischen, ägyptischen, polnischen, türkischen, kolumbianischen, georgischen, deutschen und österreichischen Hintergrund. "Beide Seiten müssen Integration wollen" hörte man oft.

Fazit: Das Stück spricht direkt einen Aspekt der Zuwandererproblematik an, nämlich die Perspektivenlosigkeit und Gewaltbereitschaft der einschlägigen Jugendgangs (in Deutschland mehr ein Problem - oder ein besser reportiertes Problem - als bei uns). Die Schüler erkannten die Realität wieder und reagierten interessiert und teilnehmend. Offenbar ist es ein Weg, diese Realität spielerisch anzugehen. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 27.11.2010)

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