Auch künftig lebende Menschen haben Rechte

26. November 2010, 18:45
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Der in Graz lehrende Philosoph Lukas H. Meyer beschäftigt sich mit dem Klimawandel unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit

Als größte Ungerechtigkeit empfindet er, dass die Verursacher am geringsten von den Folgen betroffen sein werden.

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Das sechsstöckige Gebäude am Campus der Karl Franzens Universität, in dem auch das Institut für Philosophie untergebracht ist, nennt man in Graz gemeinhin den Geisterturm. Ganz oben macht sich Lukas H. Meyer, Institutsvorstand und Professor für praktische Philosophie, so seine Gedanken über den Klimawandel unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Im Prinzip könnte man diese in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen.

Doch ein Philosoph differenziert naturgemäß aus. Und so muss man, um die Argumentationskette verständlich zu machen, ein klein wenig ausholen. In seiner Dissertation, 1996 in Oxford abgeschlossen, beschäftigte sich Meyer, geboren 1964 in Tübingen, mit Fragen der Generationengerechtigkeit: Was passiert mit unseren Ideen von Gerechtigkeit, wenn wir sie auf zukünftig lebende Menschen (ZLM) beziehen?

Es stellt sich, so Meyer, heraus, dass die Beziehungen zwischen Generationen andere Merkmale aufweisen als jene zwischen Zeitgenossen: "Es gibt eine nicht änderbare absolute Machtasymmetrie: Wenn diese Menschen nach unserem Tod geboren werden, können wir nicht mit ihnen kooperieren. Wir können deren Lebensbedingungen beeinflussen, aber sie nicht unsere. Deren Existenz und Identität wie auch Anzahl hängen letzten Endes von unseren Handlungen ab."

Kann es da überhaupt Gerechtigkeit geben? Einige Theoretiker glauben, dass Gerechtigkeit nur in Verbindung mit Kooperationsbeziehungen steht: Wer soll welchen Teil vom gemeinschaftlich erwirtschafteten Gut bekommen? Wenn dies gilt, stellt sich die Frage der Gerechtigkeit im Hinblick auf die ZLM nicht. Denn es kann eben keine Kooperationsbeziehungen geben.

Meyer hingegen meint, es reiche aus, dass wir Einfluss nehmen und die ZLM schädigen oder begünstigen können. Der Umstand, dass sie von uns abhängen, ändere aber nichts daran, dass wir sie nicht schädigen dürfen. "Der Begriff der schädigenden Rechtsverletzung ist hier allerdings neu zu denken. Wenn mir jemand in mein Fahrrad fährt, kann ich zu ihm sagen: ,Hättest du doch anders gehandelt, dann ginge es mir besser!' Doch die, die es einmal geben wird, können das so nicht zu uns sagen, auch wenn wir ihre Lebenschancen stark reduziert haben."

Dies gilt exemplarisch für den Klimawandel: "Ein zukünftig Lebender kann uns nicht zur Rechenschaft dafür ziehen, dass wir die Ressourcen zu unseren Gunsten erschöpft haben." Zumal wir genau wissen, dass unsere Handlungen für ZLM eher negative Konsequenzen haben, so Meyer: "Wenn wir das wissen können, müssen wir dafür Sorge tragen, dass dieser Schaden vermieden oder ausgeglichen wird."

ZLM haben also grundlegende Rechte, darunter das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Meyer: "Man kann sie Menschenrechte nennen. Und wir stehen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass diese Rechte nicht verletzt werden. Daraus ergibt sich, dass man eine Höchstmenge noch erlaubter Emissionen bestimmt."

Wie aber sind die Emissionsrechte unter den heute Lebenden zu verteilen? "Es geht um Verteilungsgerechtigkeit: Es gibt ein Gut, das zu beschränken ist, nämlich die Nutzung der Atmosphäre durch Handlungen, die mit Emissionen einhergehen. Die Frage, wer wie viel vom Kuchen bekommen soll, muss global beantwortet werden. Denn es brächte kaum etwas, wenn sich nur Österreich beschränkte."

Man muss sich also gemeinsam darauf einigen, wer wie viele Emissionen produzieren darf. "Gerecht wäre, wenn jeder Mensch gleich viele Emissionen verursachen darf - und zwar über die gesamte Lebenszeit. Aber was ist, wenn jemand - wie jeder Erwachsene in den OECD-Ländern - schon sehr, sehr viele Emissionen verursacht hat?"

Die Verursacher

Es gibt aber noch ein gravierendes Problem: Der Klimawandel, der in den nächsten 30 Jahre eintritt, ist größtenteils schon nicht mehr vermeidbar. Denn er beruht auf Emissionen in der Vergangenheit. Wer soll für die Kosten dieser Schäden aufkommen? Meyer: "Das ist eine Frage der kompensatorischen Gerechtigkeit. Es gibt mehrere mögliche Antworten, darunter die Kompensation nach dem Verursacherprinzip. Wir kommen also in die Dimension der historischen Gerechtigkeit hinein."

Ergeben sich für uns aus dem, was Vorfahren getan haben, normative Konsequenzen? Können wir verpflichtet sein, Kompensation zu leisten für etwas, was andere früher getan haben, obgleich wir in keiner Weise beeinflussen können, was die Menschen getan haben? Meyer: "Ja, das kann der Fall sein. Denn die Konsequenzen der Handlungen früher Lebender können die Bedingungen dafür ändern, wie wir heute und künftig miteinander umgehen können und sollen. Denken wir doch nur an die NS-Verbrechen: Ich verstehe mich als Teil einer transgenerationellen Gemeinschaft, die in der Pflicht steht, denen, die nach wie vor unter den Konsequenzen dieser historischen Verbrechen leiden, Kompensationsleistungen zu erbringen."

Man könne natürlich - in Bezug auf den Klimawandel - auch den Standpunkt vertreten: "Warum soll ich für etwas zahlen, was Vorfahren gemacht haben, die zudem, als sie es taten, gar nicht um die Konsequenzen wussten?" Denn da gibt es einen großen Unterschied zu den NS-Verbrechen: "Den Nationalsozialisten war es durchaus möglich zu wissen, dass sie etwas moralisch Falsches tun. Bis vor kurzem können wir es den Menschen aber nicht vorwerfen, dass sie um die künftigen negativen Auswirkungen ihrer Emissionen nicht gewusst haben."

Die Begünstigten

Doch Meyer weiß zu kontern: "Uns interessieren ja nicht die Emissionen, sondern die Begünstigungen, die wir aufgrund von Aktivitäten, die Emissionen nach sich ziehen, erhalten. Wenn es auf die Begünstigungen ankommt, müssen wir feststellen, dass wir bereits viele haben. Weil wir die Güter geerbt haben, die bei der Herstellung Emissionen verursacht haben, darunter die Infrastruktur."

Tatsache ist, dass die Menschen in den OECD-Ländern weit mehr Begünstigungen aus Emissionen genießen als Menschen, die in Entwicklungsländern leben. Meyer folgert: "Die sehr ungleiche Verteilung der Begünstigungen ist ein Argument dafür, dass die Menschen aus den OECD-Ländern für die Schäden aufkommen sollen."

Ideal wäre zudem, wenn die Emissionsrechte global frei handelbar wären. Denn dann könnten sie die reicheren Länder - befristet - von den ärmeren Ländern zukaufen: "Es gäbe eine Übergangszeit, in der die Emissionsniveaus in den OECD-Länder auf das langfristig benötigte Niveau reduziert werden könnten." Zudem wäre dies eine Form der Entwicklungshilfe, da die ärmeren Länder alle ihnen zustehenden Rechte sofort gar nicht nutzen könnten.

Die Lösungsansätze

Nach der Konferenz in Kopenhagen vor einem Jahr sieht es aber nicht so aus, als käme es zu einer weltweiten Einigung. Man muss daher Alternativen entwickeln. "Was kann ein Akteur, auch ein großer wie die EU, sinnvoll tun? Viele meinen, man sollte der Anpassung an den nicht vermiedenen und absehbar nicht vermeidbaren Klimawandel im eigenen Land Vorrang geben", erklärt Meyer.

Die Idee dahinter: Wenn es keine globale kollektive Lösung gibt, muss man die eigenen Bürger vor den schlimmsten Konsequenzen schützen. Die Niederlande zum Beispiel würden höhere Deiche bauen. "Es geht darum, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass es für die Menschen gut lebbar bleibt. Die Anpassung ist in den OECD-Ländern aber viel leichter möglich als in den Entwicklungsländern", sagt Meyer.

"Das ist die schlimmste Ungerechtigkeit: Dass die, die am meisten von den bisherigen Emissionen profitieren, die sind, die am wenigsten vom Klimawandel betroffen sein werden. Während jene, die am wenigsten profitieren, am schlimmsten betroffen sein werden", sagt Meyer. "Dies auch, weil die Entwicklungsländer in stärkerem Ausmaß von der Landwirtschaft abhängig sind. Und die Landwirtschaft ist in besonderem Maße von veränderten Klimabedingungen betroffen."

Die andere Strategie wäre die Vorreiterrolle beim Klimaschutz durch Emissionsreduktion: Ein Akteur wie die EU soll dafür Sorge tragen, dass die Chance auf ein gerechtes und effektives globales Regime von Emissionsrechten steigt.

Wie man das bewerkstelligen kann? "Indem man vorführt, dass man mit deutlich weniger Emissionen auskommen kann - ohne dass es uns schlechter geht. Wir müssten unsere Lebensweisen ändern, entsprechende Technologien entwickeln und diese für andere bereithalten. Das setzt voraus, in geeignete Forschung zu investieren." (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28. 11. 2010)

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    Lukas H. Meyer, Professor für praktische Philosophie: "Wirt stehen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Rechte der zukünftig lebenden Menschen nicht verletzt werden."

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