"100 Milliarden jährlich für die Energieforschung"

26. November 2010, 18:26
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Ist Bjørn Lomborg vom Klima-Saulus zum Klima-Paulus konvertiert? Ein Gespräch über neue Strategien gegen die Erderwärmung

Standard: Sie galten für viele als eine Galionsfigur der Klimaskeptiker. Mit Ihrem neuen Buch "Smart Solutions to Climate Change" scheinen Sie nun das Lager gewechselt zu haben. Gab es bei Ihnen nun einen Wandel in Sachen Klimawandel oder nicht?

Lomborg: Nein, denn ich habe immer gesagt, dass der Klimawandel eine Realität ist. Ich habe aber auch immer dazugesagt, dass man das Problem mit dem Kyoto-Protokoll und dessen ungeeigneten Strategien nicht lösen wird können. In den letzten Jahren eröffneten sich jedoch ganz neue und effizientere Möglichkeiten, dem Klimawandel beizukommen. Und die vertrete ich seit drei Jahren.

Standard: Beschönigen Sie da nicht Ihre frühere Haltung? Wie konnte es sein, dass Sie von Leuten wie IPCC-Chef Rajendra Pachauri mit Hitler verglichen wurden?

Lomborg: Das zeigt nur die unversöhnlichen Gegensätze in der Klima-Diskussion. Es scheint nur zwei Positionen zu geben: Entweder man hält den Klimawandel für die größte Katastrophe seit Menschengedenken oder für einen Schwindel - als ob es dazwischen nichts gäbe. Als ich sagte, dass das Kyoto-Protokoll Humbug sei, dachten alle, ich würde auch den Klimawandel leugnen. Das ist natürlich Quatsch. Genauso ist es aber auch ein Unsinn, wenn mich Leute jetzt mit Al Gore vergleichen. Alles was ich seit drei Jahren sage, ist, dass es neue und klügere Wege gibt, etwas gegen den Klimawandel zu tun und dass wir in die investieren sollten.

Standard: Und wie sehen diese neuen Wege aus?

Lomborg: Ich schlage vor, 100 Milliarden Dollar jährlich für die Energieforschung auszugeben, um viel effizienter und billiger erneuerbare Energie herzustellen. Das nämlich verspricht, 100-Mal so effektiv zu sein wie die gegenwärtigen Maßnahmen. Das Hauptproblem heute ist nämlich, dass etwa Energie aus Solarmodulen noch viel zu teuer ist. Deshalb können es sich nur ein paar reiche Leute leisten, sie am Dach zu montieren. Die allein werden den CO2-Ausstoß nicht bremsen. Wenn aber Solarmodule und die Energie daraus erst einmal billiger werden als fossile Energieträger, dann haben wir gewonnen.

Standard: Ist das nicht eine etwas unsichere Wette auf die Zukunft?

Lomborg: Sie haben recht. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass auch die bisherigen politischen Maßnahmen Wetten auf die Zukunft waren, egal ob nun Rio 1992, Kyoto 1997 oder jetzt die Maßnahmen der EU für 2020 und 2050. Und keines dieser Versprechen ist gehalten worden! Ich kann natürlich auch nicht versprechen, dass wir bei den Solarzellen in ein paar Jahren die perfekte technische Lösung haben werden. Aber wenn Geld in die Erforschung und Entwicklung vieler verschiedener erneuerbarer Energieträger stecken, dann scheint mir die Chance recht groß, dass irgendwo ein Durchbruch gelingen wird. Und damit werden wir dann die Energie für das restliche 21. Jahrhunderts erzeugen. Aber davon sind wir wohl noch 20 bis 40 Jahre entfernt.

Standard: Soll das Geld nur in die Erforschung erneuerbarer Energien gehen?

Lomborg: Nein. Wir müssen auch in die Verbesserung der Energieeffizienz investieren, in die Entwicklung und Verbesserung von Atom- und Fusionsenergie, aber auch in Möglichkeiten zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Grundsätzlich reicht es dabei nicht, nur auf die geringfügige Verbesserung bekannter Technologien zu setzen, wie das Deutschland etwa mit den Solarmodulen gemacht hat. Das bringt nichts, weil die immer noch viel zu teuer sind.

Standard: Welche Rolle kommt dabei der öffentlichen Hand und welche den Firmen zu?

Lomborg: Es ist ähnlich wie in der medizinischen Forschung. Zuerst einmal brauchen wir Investitionen der öffentlichen Hand in die entsprechende Grundlagenforschung - pro Land etwa etwa 0,2 Prozent von deren Bruttoinlandsprodukt . Die muss so grundlegend sein, dass sie auch zu Nobelpreisen führen könnte. Und dann erst kommt die Industrie, die an den vermarktbaren Entwicklungen arbeitet. Ich habe auch schon überlegt, ob man bei der Bill & Melinda Gates Foundation nicht eine Liste mit 100 zu lösenden Herausforderungen in Sachen erneuerbarer Energie erstellen und entsprechende Preis ausschreiben sollte.

Standard: Sie schlagen in Ihrem neuen Buch aber auch Maßnahmen im Bereich Geo-Engineering vor, also der absichtlichen Klimabeeinflussung. Warum das?

Lomborg: Wir haben dafür einige der weltweit kompetentesten Klimaökonomen - darunter übrigens drei Nobelpreisträger - gefragt, was die klügsten Methoden sind, um den Klimawandel zu stoppen. Ihrer Meinung nach sind das langfristig Investitionen in "grüne Energie", über die wir gerade gesprochen haben. Kurzfristig aber braucht es Geo-Engineering als eine Art "billiges Thermostat der Welt".

Standard: Was meinen Sie damit?

Lomborg: Es ginge da zum Beispiel darum, Wolken ein wenig heller zu machen, damit die mehr Sonnenlicht reflektieren. Mit solchen billigen Methoden könnten wir die Erderwärmung auf die Schnelle stoppen und uns einige Jahre "kaufen", um geeignete Energie-Technologien zu erfinden. Außerdem wäre Geo-Engineering eine Versicherung gegen ganz katastrophale Auswirkungen des Klimawandels.

Standard: Sie sind gerade in Kanada, wo Ihr erster Film seine Premiere hat. Warum sind Sie unter die Filmemacher gegangen?

Lomborg: Mit Büchern erreicht man gerade einmal ein paar 100.000 Leute, aber mit einem erfolgreichen Film können es schon ein paar Millionen werden. Mein Ansatz ist, dass das ein so wichtige Debatte ist, dass ihre Argumente nicht ein paar 100.000 Lesern vorbehalten sein sollten, sondern viel mehr Menschen. Viele Leute kommen nach Vorträgen zu mir und sagen: "Ich dachte, dass ich Sie hassen würde. Aber was Sie da vorschlagen, ist vernünftig." Wenn das mehr Leute denken, könnten wir auch die Politiker dazu zwischen, sich für diese klugen Maßnahmen einzusetzen.

Standard: Wie sehen Sie sich eigentlich? Sind Sie mehr Wissenschafter, Aktivist, Berater, Filmemacher?

Lomborg: Ich sehe mich als Wissenschafter, oder besser: als Wissenschaftsentrepreneur: Ich bringe einige der weltbesten Ökonomen zusammen, um über die klügsten Zukunftsstrategien nachzudenken. Ich will deren beste Forschung und will in die breite Öffentlichkeit bringen.

Standard: Was sind Ihre Erwartungen für Cancun?

Lomborg: Null. Wir machen seit 18 Jahren, seit Rio, dasselbe: Versprechungen, die nicht eingehalten werden. Wir müssen damit einfach aufhören. Womöglich wird es dann bei einem der nächsten Treffen so weit sein, dass man aufhört, an unerreichbaren Verträgen zu arbeiten, die nie funktionieren werden, sondern an dem, was wir vorschlagen: grüne Energie, die 100 Mal effektiver ist, den Klimawandel mittelfristig zu stoppen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28. 11. 2010) 

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    Bjørn Lomborg (45) ist ein dänischer Politikwissenschafter, Statistiker, Buchautor ("Apocalypse No!", "Cool It!") und Filmemacher. Er lehrt an der Copenhagen Business School und leitet das Copenhagen Consensus Centre.

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