Ein Sterngucker am Zahlenhimmel

25. November 2010, 22:44
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Ein Prinzipal kämpft gegen lauter Windmühlen: Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg muss die strukturellen Nachteile des Standorts am Wiener Weghuberpark mit Findigkeit wettmachen

Ein Stimmungsbericht.

Wien - Das in roten Samt eingeschlagene Jahresbüchlein des Wiener Volkstheaters ("Spielzeit 2010/11" ) enthält als Geleitwort eine bedenkenswürdige Selbstbeschreibung: "Diesmal zieht sich die Spannung zwischen Abhängigkeit von Macht-, Beziehungs- und Suchtstrukturen und Autonomie durch unser Programm."

In der Tat: Nachdem sich der amtierende Verwaltungsdirektor Thomas Stöphl ins Ausgedinge zurückgezogen hat, kämpft das Haus unter der Leitung von Direktor Michael Schottenberg einen stillen Kampf um seine Autonomie - an unübersehbar vielen Fronten. Die größte Portalbühne Österreichs, mit gut 900 Plätzen für ein städtisches Massenpublikum ausgelegt, muss seit 1999/2000 eine vom Bund einseitig verhängte Subventionskürzung verdauen. Obendrein zog die Arbeiterkammer ihre fördernde Hand von der Produktionsreihe in den Außenbezirken ab.

Die Auffangbeträge der Stadt Wien ergeben ein ruhiggestelltes Subventionsbudget von 10,3 Millionen Euro. Die seither fällig gewordenen Anpassungen, die durch die Valorisierungen gegeben sind, würden eine hochgerechnete Summe von elf Millionen Euro ausmachen.

"Das muss man aus radikalem Gehorsam selbst einsparen", sagt Franz Salzmann, der als Volkstheater-Stiftungsvorstand jetzt auch interimistisch die Verwaltungsagenda wahrnimmt.

Salzmann, der bereits bei den Bregenzer Festspielen gewohnt war, Hosenknöpfe zu sammeln und Nickelmünzen umzudrehen, erläutert wie folgt: "Wir haben 270 Mitarbeiter, die in Kollektivvertragsverhältnissen stehen. Ein Prozent Kollektivvertragsanhebung kostet das Theater grob geschätzt 100.000 Euro. 2009 waren das 3,2 Prozent: Das sind 320.000 Euro, die dem Theater als Kostenschub ins Haus stehen." Nachtrag: "Wie schneide ich ins Fleisch, ohne dass die Performance auf der Bühne darunter leidet?"

Das Direktionszimmer von Michael Schottenberg schaut vom Heck des Theatertankers verträumt auf Bellaria-Kino und eine hübsche Plüschpension. "Schotti" kommentiert die Misslichkeiten seiner Amtsführung nicht trotzig, sondern seelisch aufgeräumt: "Ich bin von 100.000 Dingen abhängig. Auch davon, dass alle gesund sind!" Er räumt bereitwillig ein, dass der strukturelle Hund nach wie vor an einem Parkplatz begraben liegt - an jenem Stellplatz an der Flanke des Hauses, dessen penible Unterhaltung den Verzicht auf die Errichtung eine Seitenbühne erzwingt.

Widerspruch des "Erfolgs"

Denn besäße Schotti eine praktikable Seitenbühne, könnte er Erfolgsproduktionen "anlagern" . Könnte er Kulissen anlagern, wäre er imstande, ein Repertoire zu erhalten. Die Schlange beißt sich in den Schwanz: Kassenknüller wie "Cabaret", "Die Fledermaus" oder "Sonny Boys" können unter den real existierenden Bedingungen nicht befriedigend "abgespielt" werden.

Schottenberg: "So müssen wir jede Produktion" - gemeint sind die Premieren auf der Hauptbühne - "zehn- bis elfmal pro Monat spielen. Wir haben täglich 800 Karten im freien Verkauf! Im Durchschnitt zählen wir 180 Abos pro Abend. Das sind 10.000 Menschen pro Monat für dasselbe Stück, die wir auf dem freien Markt zum Theaterbesuch verführen müssen!"

Die Effekte der angesammelten Misslichkeiten sind atembenehmend. Landet das Wiener Volkstheater einen Publikumsflop wie mit Stephan Müllers wunderbarer "Clavigo"-Inszenierung 2008, kommt das Geschäft trotz reger Betriebsamkeit auf Nebenschauplätzen wie dem "Roten Salon" absehbar zum Erliegen. Schottenberg sagt: "Das sind Strukturen, mit denen wir zu raufen haben!" Das Wort "jammern" bittet er zu streichen. Glücklich wirkt er bei solchen Anmerkungen nicht.

Schottenberg muss mit Bedrängnissen umgehen: "Ich benötige Stücke, die funktionieren. Natürlich, wer braucht das nicht?" Er mache "Sonny Boys" oder Nestroy, weil diese Stoffe ein volles Haus versprächen. Er sagt über eine Produktion wie "Harold and Maude": "Warum ich das ansetze? Nicht nur, weil ich die Geschichte einer unmöglichen Liebe erzählen will! Ich mache es, weil ich es mit Elfriede Irrall und Claudius von Stolzmann sehr gut besetzen kann und es mir auch ein sperriges, aber wichtiges Stück wie 'Antigone' zu finanzieren hilft."

Zahlen: In der Volkstheater-Ära Emmy Werners tummelten sich 24 fix engagierte Schauspieler neben nicht weniger als 70 Gästen. Schottenberg begann mit 31 fix Engagierten und 18 Gästen; die Ensemble wurde mittlerweile auf 24 Posten eingedampft.

Die Zeichen? Stehen auf Weitermachen. Immerhin will die Stadt in der Margaretener Volkstheater-Dependance Hundsturm ein stehendes Projekt mit migrantischem Hintergrund haben. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)

 

  • Der rote Stern, der sich angeblich noch niemals im Kreis gedreht hat: Wie umgehen mit Zeichen der Widersetzlichkeit?
    foto: korrak

    Der rote Stern, der sich angeblich noch niemals im Kreis gedreht hat: Wie umgehen mit Zeichen der Widersetzlichkeit?

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