Leseverbote

25. November 2010, 19:56
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Eine Retourkutsche für den türkischen Botschafter

Retourkutschen sind recht unelegante Gefährte. Aber: Manchmal kann man die Versuchung nicht unterdrücken, eine anzuspannen. Der türkische Botschafter in Österreich hat uns eine teils berechtigte, teils stark überzogene und nationalistisch grundierte Standpauke gehalten. Während die Qualitätsmedien noch damit beschäftigt sind, sich differenziert damit auseinanderzusetzen, ereilt uns die Meldung, dass der Nobelpreisträger V. S. Naipaul gezwungen wurde, eine Rede in Istanbul zur "Kulturhauptstadt 2010" abzusagen. Konservative türkische Autoren entfesselten eine Kampagne gegen den Islamkritiker.

EU-Reife

Die muslimische Wir-sind-beleidigt-Maschinerie hat sich wieder als sehr effektiv erwiesen. Und die Türkei muss sich fragen lassen, wie das mit ihrer EU-Reife aussieht, wenn es unmöglich wird, einen harten, aber auch hart recherchierenden Islamkritiker im aufgeschlossenen Istanbul auftreten zu lassen.

Aber man muss auch vor der eigenen Tür kehren. In Ungarn ist eine rechtsnationale Regierung unter Viktor Orbán am Ruder, die es nicht gern hat, wenn man ihre zunehmend autoritäre Politik kritisiert. Deshalb läuft eine Hetzkampagne gegen Paul Lendvai, Autor eines kritischen Buches über das neue Ungarn. Und nun musste er eine Lesung in Frankfurt wegen Drohungen rabiater Ungarn absagen. Ungarn ist EU-Mitglied. Man muss sich genau ansehen, was dort abläuft. (Hans Rauscher, DER STANDARD Printausgabe, 26.11.2010)

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