Wege aus der Jugendarmut

25. November 2010, 16:50
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Österreich ist reich - Trotzdem leben 130.000 Kinder und Jugendliche unter der Armutsgrenze

„Armut ist relativ", sagt Martin Schenk, Armutsexperte der Diakonie Österreich, bei der Tagung „Junge Armut" in Wien. In reichen Ländern zeigt sich Armut anders als in armen, in Österreich anders als in Indien oder Nigeria. Unter der Armutsgrenze zu leben heißt nicht nur wenig Geld zu haben, sondern auch durch Lebensumstände, Arbeitsverhältnisse, soziale Absicherung oder auch soziale Ausgrenzung. Die Tagung wurde von der Bundesjugendvertretung und vom Insititut für Freizeitpädagogik organisiert.

In Österreich gelten eine Million Menschen als armutsgefährdet - darunter 130.000 Kinder und Jugendliche. Sozialhilfe ist der staatliche Faktor in der Bekämpfung der Armut, es ist das letzte Netz. „Wenn das gut organisiert ist, dann kann sie Armut lindern und Brücken schaffen, einen Ausweg zu finden," sagt Schenk im Gespräch mit derStandard.at. Man muss sich aber bewusst sein, dass dies nur ein Faktor sei. „Für die Jugendarmutsbekämpfung wird die Rolle der Mindestsicherung überschätzt," so Schenk weiter. Die aktuelle Ausgestaltung sei eigentlich nicht mehr als die Sozialhilfe. Natürlich gebe es Menschen, die davon profitieren, aber auch genügend für die sich ihre prekäre Situation nicht verbessert habe.

„Schulen vertreten ein bürgerliches Ideal"

Der soziale Wohlfahrtsstaat Österreich zahlt die höchsten monetären Familienleistungen in Europa aus, hat aber nicht die wenigsten armen Kinder in Europa. Österreich liegt an fünfter Stelle, Dänemark ist im Bereich der Armutsbekämpfung Spitzenreiter. Es fehlt an Rahmenbedingungen und langfristigen, vorbeugenden Maßnahmen. Neben Finanzleistungen seien auch Investitionen in die Kinderbetreuung und die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten für Frauen sinnvoll. Teilzeitarbeit sei in Dänemark eben keine reine Frauensache, meint Schenk und „das zeigt seine Wirkung".

Massive Kritik übt Schenk an der sozialen Durchlässigkeit der Schulen. „Schulen vertreten ein bürgerliches Ideal", sagt die Soziologin Gerlinde Malli zu derStandard.at. Es gibt Schwierigkeiten auf andere Mileus einzugehen. Malli bezeichnet die Schule als Selektionsinstitution, wo der Mechanismus der sozialen Reproduktion nicht aufgelöst, sondern manifestiert werde. Kinder aus Akademikerfamilien fühlen sich daher besser in der Schule aufgehoben und werden eher eine akademische Laufbahn einschlagen, als Kinder aus Arbeiterfamilien. Für Arbeiterkinder steht Bestätigung durch eigene Arbeit im Vordergrund. Sie wollen möglichst früh ihre Unabhängigkeit erreichen, lautet die These der Wissenschafterin. 

Rückgang sozialer Aufstiegschancen

Doch in den letzten Jahren hat sich das Problem noch weiter entwickelt. Durch den Ende des Sozialen Kapitalismus und den Beginn des Neoliberalismus Ende der 1980er habe die Prekärisierung des Arbeitsmarktes die Reproduktionskrise verstärkt. War es üblich, dass Kinder mindesten den gleichen sozialen Status wie ihre Eltern erlangen konnten oder eben diesen überbieten, so ist es heute kaum möglich den Status quo zu halten. Die sozialen Aufstiegschancen für bildungsferne Milieus gehen zurück, gleichzeitig aber steigen auch die Abstiegserfahrungen aus der Mittelschicht. Eine soziale Abwärtsspirale entsteht, Auswege zu finden ist schwer. 

Staatliche, finanzielle Unterstützung ist ein externer Faktor. Unter dem Begriff Resilienz werden persönliche Widerstandsfaktoren zusammengefasst. Es zählen tragfähige Beziehungen und soziale Netzwerke dazu, wie Freunde und Familie, auf die man sich verlassen kann. Kontrollsinn, die eigene Fähigkeit sich Ziele zu setzen, und natürlich auch Anerkennung zählen dazu. Auch hier muss vorbeugend angesetzt werden, meint Schenk von der Diakonie im derStandard.at-Gespräch. Ein Netz, um den Weg aus der Armutsfalle auch mit eigener Kraft zu schaffen. 

Ambivalente Armutsforschung

„Prekäre Arbeitsverhältnisse begünstigen Jugendarmut", sagt Malli. Auch eine Ausbildung, ein Universitätsabschluss garantiere keinen Arbeitsplatz. Es sei wichtig die Ausbreitung des Niedriglohnmarktes zu verhindern, meint auch Martin Schenk. In Deutschland habe man durch die Förderung der Ein-Euro-Jobs das Gegenteil erreicht und eine Armutsfalle geschaffen, anstatt sie zu verhindern.
„Betroffene dürfen nicht als Opfer behandelt werden" ist für beide Wissenschafter ein wichtiger Punkt. „Sie bezeichnen sich selber nicht als arm und dürfen deswegen nicht stigmatisiert werden." Armutsforschung sei deswegen ein ambivalenter Begriff. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 25.11.2010)

Weitere Informationen zur Tagung:

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    In Österreich gelten eine Million Menschen als armutsgefährdet - darunter 130.000 Kinder und Jugendliche.

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