Anschwellende Blähsucht

24. November 2010, 19:44
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Die Integrationsdebatte ist zu einem Code für Rassismus geworden - Eine Erwiderung auf Thomas Schmidinge

In seinem Kommentar vom 10. 11. kritisiert der Politikwissenschaftler und Kulturanthropologe Thomas Schmidinger den Appell "Schluss mit der Integrationsdebatte" . Mir scheinen seine Einwände auf einigen Missverständnissen zu fußen. Zunächst sei eine kleine, rein stilistische Klarstellung erlaubt: Ein Manifest ist kein Essay. Ein Appell ist kein Aufsatz. Eine Petition ist keine Studie.

Einst wurde etwa geschrieben: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind" ? Geht es bei diesen Worten darum, ob ein Schöpfer existiert, der uns alle a priori mit Rechten ausstaffierte? Oder ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung nicht vor allem eine Proklamation der Freiheit und der Souveränität?

Und wie ist Folgendes zu verstehen: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" ? Der Satz ist zweifellos ein Holler. Die Menschen sind nicht frei geboren und schon gar nicht kommen sie mit irgendwelchen Rechten ausgestattet auf die Welt. Dennoch veränderte der erste Paragraph der Menschenrechte die Grundlagen humaner Existenz. Er ermöglichte die Selbstbehauptung menschlichen Seins.

Schmidinger irrt, wenn er meint, der Appell gegen die Integrationsdebatte richte sich gegen offene Gespräche, wie etwa gegen jene der Caritas, die er in Baden und Wiener Neustadt leitete. Im Gegenteil: Bei solchen Zusammenkünften zeigt sich doch, wie Schmidinger zu Recht festhält, dass "sich viele vermeintlich ‚kulturelle‘ Probleme als handfeste und damit auch lösbare Fragen der Ökonomie, Bildung, der sozialen und politischen Teilhabe" entpuppen. Der Appell zielt eben nicht gegen das Reden mit Anderen, sondern gegen das Gerede über die vorgeblich Andersgearteten und unter Ausschluss des Andersartigen.

Jene Integrationsdebatte, die das ganze Land in Geiselhaft nimmt. ist zum Gerücht über den Fremden geworden. Längst ist irrelevant, was die Wissenschaft unter dem Terminus versteht. Der Begriff dient bloß noch der Biologisierung und Kulturalisierung aller sozialen Fragen.

Ich lese etwa auf der ORF-Website: "Der Oberösterreichische Kameradschaftsbund sieht in der Wehrpflicht für Frauen ein gutes Mittel zur Förderung der Integration und fordert eine ‚Allgemeine Wehrpflicht für alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger‘" . Keine noch so verquere Forderung, die nicht mit dem Argument "Integration" gerechtfertigt wird. Jeder Gedanke, jede Auseinandersetzung steht hierzulande im Schatten einer Integrationsdebatte, die vorwiegend chauvinistisch ist.

Kein Problem, das nicht der Zuwanderung angelastet wird. Mängel im Sprachunterricht? Frauenunterdrückung? Soziale Ungerechtigkeit? Steigende Arbeitslosigkeit? Verelendung von Wohngegenden? Kriminalität? Wer ist schuld? Erraten. Und was wird deshalb gefordert? Eine Integrationsdebatte. Mich würde nicht wundern, wenn bald auch angesichts von Laktoseunverträglichkeit und Flatulenz, bei explosiver Blähsucht, eine Integrationsdebatte eingemahnt wird.

Gewiss: Integration an sich ist doch gar nichts Schlechtes, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Alltäglichkeit. Jene, die den Appell initiierten, arbeiten selbst nicht selten mit Zuwanderern. Sie wissen wohl auch, dass Integration ursprünglich nicht Assimilation bedeutet. Schmidinger weist zu Recht auf diese Unterscheidung hin. Schade bloß, dass er diese Differenzierung nicht bereits einmahnte, als - in unzähligen Artikeln - Assimilation gemeint war, wenn Integration gesagt wurde.

Der Appell rebelliert gegen ein Dispositiv, das unser Denken lähmt. Bekanntlich lassen sich auf falsche Fragen nur schwer die richtigen Antworten finden. Ich will deshalb nicht über Integration reden, wenn es um Arbeitslosigkeit geht, sondern über Sozialpolitik, über Löhne und über Ökonomie. Und gegen Frauenunterdrückung hilft nicht Hetze gegen Fremde, sondern bloß der Kampf um Emanzipation in allen Bereichen. Bildungsmängel werden nicht durch die Integrationsdebatte behoben, sondern durch neue Schulformen und durch besseren Unterricht für alle.

Die Idee, der Aufschwung der Freiheitlichen ließe sich durch die Integrationsdebatte stoppen, entbehrt nicht eines gewissen Witzes. Diese Themen dominieren doch schließlich seit den Neunzigern jeden heimischen Wahlkampf. Sie sind ja das Steckenpferd der Populisten. Kaum eine Legislaturperiode, in der die Rechten nicht die Hetze und die Regierung nicht die Gesetze gegen Zuwanderer verschärften. Die Versachlichung dieser Auseinandersetzung will und kann nicht gelingen. Im Gegenteil: Wir sind Zeugen einer anschwellenden Eskalation.

Die Integrationsdebatte ist zum Code für Rassismus geworden. Sie steht unter falschen Vorzeichen. Es ist an der Zeit, sich aus ihrer Logik zu befreien. Sie dient vor allem der Verhüllung anderer Probleme. Sie wurde zu jenem Leiden, dessen Heilung sie zu sein versprach. Sie lindert keines der angesprochenen Übel. Außer vielleicht jenes explosiver Blähsucht. (Doron Rabinovici/DER STANDARD, Printausgabe, 25. November 2010)

Zur Person

Doron Rabinovici (49), Schriftsteller und Historiker, lebt in Wien, zählt neben Elfriede Jelinek, Robert Menasse und anderen Künstlern und Intellektuellen zu den Unterzeichnern des umstrittenen "Schweige" -Appells. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Andernorts".

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