Der Aufschrei der Lämmer

24. November 2010, 18:30
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Die Präsentation einer Studie der Plattform für Betroffene kirchlicher Gewalt sorgt in Österreich für den nächsten Durchhänger der Kirche

Die Realität hat die katholische Kirche rasch wieder eingeholt. Da versetzte der Papst doch gerade noch mit seiner vorsichtigen Ankündigung, dass Latex unter der Tuchent in Ausnahmefällen doch eine Sünde Wert sei, liberale Katholiken in freudige Erregung - und schon sorgt die Präsentation einer Studie der unabhängigen Plattform für Betroffene kirchlicher Gewalt zumindest in Österreich für den nächsten Durchhänger. Demnach sind zwei Drittel der Täter geweihte Priester. Viele haben es gewusst, viele haben geschwiegen - bis hinauf in die höchsten Entscheidungsgremien der Kirche.

Mit der Auswertung der Lebensgeschichten von 325 Betroffenen hat man es jetzt schriftlich: Nicht einzelne schwarze Schafe sind es, die vor Kinderaugen den Kittel gelüpft haben. Es ist die erschütternde Bilanz des kollektiven Versagens eines Männervereins. Die autoritären Grundstrukturen der Kirche haben Vertuschen möglich gemacht. Nur ein glaubwürdiger Neuanfang kann jetzt das nötige Maß an Glaubwürdigkeit zurückbringen.

Und man ist auf einem guten Weg: Deutlich wie nie zuvor hat man vonseiten der Kirche Fehler eingestanden, sich bei den Opfern entschuldigt und durchaus konkrete Maßnahmen gesetzt. Der Staat hält hingegen eine Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen beschämenderweise nach wie vor für völlig unnötig. Wegschauen und milde Lächeln - Gott wird's schon richten. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 25. November 2010)

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