Arme Ministerin und hungernde Unis

24. November 2010, 17:46
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Beim UniTalk wurde über Putzfrauengehälter, Kopierer und bodenlose Sauereien heftig diskutiert

Wien - Bildung, das Sorgenkind Österreichs, ist seit Jahren finanziell unterernährt. Warum das so ist, wollte der UniStandard genauer wissen und lud zum UniTalk.

"Was nichts kostet, ist nichts wert?" fragten Tanja Traxler und Dominik Zechner letzten Dienstag ihre Diskussionsgäste im Hörsaal 1 der TU Wien. Dass Bildung viel wert ist, darüber herrschte klarer Konsens. Die Diskutanten waren sich auch alle einig, dass Bildung etwas kostet, bei der Frage, wie viel wer dafür zahlen soll, schieden sich aber die Geister. ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl wiederholte ihre Forderung nach mehr privater finanzieller Beteiligung und lobte sich selbst für ihr Verhandlungsgeschick bei der Budgetkonsolidierung: "Ich habe 80 Millionen für die Unis ausverhandelt, das ist ein Erfolg." Das aber brachte die Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft, Sigrid Maurer (Gras) in Rage, die sich während des gesamten UniTalks ärgern musste: "Sich so gönnerhaft herzusetzen und zu behaupten, Sie hätten 80 Millionen lockergemacht ist eine bodenlose Sauerei", warf sie Karl vor. "Währenddessen kürzen Sie bei der Familienbeihilfe und den Stipendien." Karl dementierte die Stipendienkürzung und fügte hinzu: "Es gibt zusätzliche Abfederungen." Maurer konterte: "Die 15 Millionen, von denen Sie sprechen, hätten Sie sowieso zahlen müssen, das ist geltendes Recht und nicht Ihr Verdienst." Karl jedoch blieb hart: "Geltendes Recht ist, was am Ende des Begutachtungsverfahrens herauskommt."

"Die arme Ministerin"

Der Schlagabtausch zwischen Maurer und Karl zog sich als dominierendes Element weiter durch die Diskussion, und der Komponist und Gründer des Vienna Art Orchestras, Mathias Rüegg, sprang für Karl fast schon in die Bresche, als er meinte: "Die arme Ministerin, was kann die eigentlich wirklich dafür?" Der Lehrbeauftragte an der Musikuniversität Wien vermisste in Österreich ein Grundbekenntnis zu Bildung und plädierte für Ausfinanzierung der Universitäten statt kleiner Korrekturen. "Ich habe schon früh mitbekommen, dass die Universitäten in Österreich, außer den Kunstuniversitäten, vor allem wegen der schlechten Betreuungsverhältnisse, international keinen guten Ruf haben", kritisierte er. Rüegg hob dabei ein Paradoxon der österreichischen Seele hervor: Während man einerseits nicht viel von Bildung halte, gebe es gleichzeitig einen extremen Hang zur Verakademisierung. "Es wird nicht geschaut, was jemand kann, sondern nur welchen akademischen Grad er hat", sagte er. Interessantes Detail: als Rüegg den Lehrauftrag bekam, konnte ihm die Uni nicht sagen, was sie ihm netto zahle. "Ich habe es mir dann ausgerechnet und bin draufgekommen, dass ich nicht mehr verdiene als meine Putzfrau", erklärte Rüegg.

Der Diener der Weisheit

Rüegg und Maurer, die nebeneinander saßen, waren sich auch in ihrer Kritik an der österreichischen Politik nahe: "Jeder bedient seine Klientel", kritisierte Rüegg. "Bildung soll nur für die herrschende Klasse zugänglich sein, das ist das Elitenkonzept, das die ÖVP seit Jahren vor sich her trägt", sagte Maurer.

Für Auflockerung im Saal sorgte die an den Vorsitzenden der Universitätenkonferenz, Hans Sünkel, gerichtete Frage "Sehen Sie sich als Bildungsmanager oder Diener der Weisheit?" von Moderator Zechner. Sünkel erklärte schmunzelnd, er sei kein Manager, müsse aber managen. Er reihte sich ebenfalls ein in die Riege der Regierungskritiker. "Ich sehe ein, dass ein Staat unpopuläre Maßnahmen ergreifen muss", sagte er, "aber die Kürzung der Familienbeihilfe hat mich schockiert und fast zur Weißglut gebracht." Im Zuge der aktuellen Debatte um die Familienbeihilfe wurde von manchen Rektoren das amerikanische Collegesystem als mögliches Vorbild für das österreichische Hochschulsystem angedacht. Darauf angesprochen, meinte Sünkel sehr deutlich: "Ich bin kein Kopierer."

Die teure Dummheit

Bei aller Kritik an Karl gab es auch eine positive Meldung aus dem Publikum: "Wenn Sie wirklich, reinen Gewissens, im Sinne der Studierenden handeln, dann bin ich zufrieden mit dem Ergebnis, auch wenn es mir nicht gefällt", appellierte eine Studentin eindringlich an die Ministerin.

Auch ein Hauch der Protestbewegung schaffte es zum UniTalk: Während Karl ihre bereits bekannten Positionen zu Bachelor, Finanzierung der Unis aus privater Hand und Studiengebühren verteidigte, entrollten ein paar Studierende das bei Demos bereits mehrfach gesichtete Plakat "Wenn du glaubst, Bildung sei zu teuer, dann probier aus, was Dummheit kostet." Ein alter Bekannter sozusagen. Karl ließ sich davon aber nicht beeindrucken und verglich gegen Ende der Diskussion die Studiengebühren mit der Sozialversicherung: "Die ist nach Einkommen gestaffelt - die Reichen zahlen für die Armen -, das Gleiche kann man doch bei den Studienbeiträgen machen", sagte sie. Das entlockte Maurer nur mehr ein lapidares "Nice try". (Astrid-Madeleine Schlesier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2010)

  • Hans Sünkel, Beatrix Karl, Tanja Traxler, Dominik Zechner, Mathias Rüegg und Sigrid Maurer (von links) diskutierten letzte Woche über die ungeliebte Bildung und die Finanzmisere der Unis.
    foto: standard/hendrich

    Hans Sünkel, Beatrix Karl, Tanja Traxler, Dominik Zechner, Mathias Rüegg und Sigrid Maurer (von links) diskutierten letzte Woche über die ungeliebte Bildung und die Finanzmisere der Unis.

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