Neuentdeckte Primatenart hat sich durch ihren Gesang verraten

24. November 2010, 16:48
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In Südostasien lebt eine bislang unbekannte Art von Koboldmakis - optisch unterscheidet sie sich weniger als akustisch

Frankfurt - Koboldmakis (Tarsiidae) sind eine Gattung kleinwüchsiger, nachtaktiver Primaten, die im Unterholz der südostasiatischen Regenwälder leben und sich von Insekten und anderen Kleintieren ernähren. Als einzige Primaten weltweit sind sie reine Fleischfresser. Neun Arten von Koboldmakis waren bisher bekannt, der Biologe Stefan Merker von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main konnte nun aber gemeinsam mit deutschen, indonesischen und amerikanischen Kollegen eine zehnte Art identifizieren.

Wie die Forscher im "International Journal of Primatology" angeben, benannten sie die neue Art Tarsius wallacei zu Ehren des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace (1823-1913). Wallace entdeckte etwa zeitgleich mit Charles Darwin die Evolution durch natürliche Selektion. Die Evolution der Koboldmakis reicht ihrerseits etwa 60 Millionen Jahre zurück - schon damals trennten sie sich als Gruppe von allen anderen Primaten ab. Früher rechnete man sie wie die Lemuren Madagaskars den "Halbaffen" zu - erst in jüngerer Vergangenheit zeigt sich, dass sie näher mit den Eigentlichen Affen und damit auch mit uns Menschen verwandt sind.

Dschungel-Duette

Auf die Fährte der neuen Art kamen Merker und sein Team während ihrer Feldarbeit auf der indonesischen Insel Sulawesi, wo sich die größte Vielfalt an Koboldmakis entwickelt hat. Die sulawesischen Exemplare leben in kleinen Familiengruppen, die sich morgens, wenn sie sich in ihre Schlafbäume zurückziehen, mit charakteristischen Duett-Gesängen verständigen. Bereits 2006, als Merker zwei andere Spezies untersuchte, fiel ihm der andersartige Gesang der Tiere südwestlich der Stadt Palu in Zentralsulawesi auf. Zwei Jahre später konnte er - gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft - der Frage nach der Identität dieser unbekannten Primaten nachgehen. Im Rahmen eines größeren Projekts wurden 15 der Tiere gefangen und untersucht.

Genanalysen sprechen eindeutig dafür, dass sich die Exemplare der neuentdeckten Art von ihrer Verwandtschaft deutlich unterscheiden. Auch ihre Rufe und einige der morphologischen Merkmale sind einzigartig. Eine Überraschung für die Biologen war außerdem das Verbreitungsgebiet der neuen Art: diese kommt in zwei geografisch voneinander isolierten Populationen vor, einer großen nördlichen und einer kleinen südlichen Gruppe. Getrennt sind diese durch die Provinzhauptstadt Palu mit ihren Häusern, Plantagen und Reisfeldern - aber auch durch das Vorkommen einer anderen Koboldmaki-Art. 

Lebensraum klein und zersplittert

Nach ersten Analysen geht Merker von einer Isolierung der beiden Populationen vor mehreren zehntausend Jahren aus, eine genauere Datierung der Trennung soll in Kürze anhand der Untersuchung von mehr Tieren folgen. "Die heutige Verbreitung der Wallace-Koboldmakis stimmt so gar nicht mit unseren Hypothesen überein. Dieser Abweichung von unserer Theorie möchten wir so bald wie möglich auf den Grund gehen", so Merker.

Wie viele andere Regenwaldarten sind auch Koboldmakis stark von der Zerstörung und Fragmentierung ihres Lebensraums betroffen. Gerade die südliche Population der neuentdeckten Spezies steht vor einer unsicheren Zukunft. Merker schätzt, dass die Tiere auf einer Fläche von höchstens 50 Quadratkilometern vorkommen. Da ihr Habitat außerdem durch menschliche Nutzungen des Waldes stark schrumpft, plädiert der Biologe dafür, nach der nun erfolgten Klassifizierung der Tiere schnellstens Populationsgröße und Gefährdungsgrad einzuschätzen. (red)

  • Tarsius wallacei
    foto: dr. stefan merker

    Tarsius wallacei

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