Lehrer mag man eben?

22. November 2010, 18:44
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Im Zuge der anhaltenden "Verländerungsdebatte" wird Österreichs Schulpädagogen derzeit ein erstaunliches Maß an politischer Fürsorge zuteil - Die Dankbarkeit mancher Adressaten hält sich allerdings in Grenzen - Von Thomas Wintersberger

Selten zuvor habe ich mich als Lehrer derart wertgeschätzt und begehrt gefühlt: Da beginnen Bund und Land allen Ernstes darüber zu streiten, wer denn mein Vorgesetzter sein dürfe. Und mit höchster Amtsautorität ausgestattete Personen kriegen sich derartig in die Haare, dass sich der Kanzler der Republik gar genötigt sieht, einen Landeshauptmann zwecks Entschuldigung zur Bildungsministerin zu zitieren.

Bei genauerer Betrachtung der Bund-Land-Problematik wird einem aber rasch klar, dass dieser plötzliche Fürsorgedrang mehr mit Einflussnahme als mit Anteilnahme zu tun hat. - Beispiel Oberösterreich:

Tritt ein/e Junglehrer/in den Dienst an, so lernt er/sie sofort die Personalvertreter/innen der dominanten Fraktion kennen, die sich gratulierenderweise mit ihm/ihr über das Anstellungsdekret, überreicht vom Präsidenten des Landesschulrates (praktischerweise gleichzeitig der Vorsitzende desselben Lehrervereines) freuen. Es gibt tatsächlich nicht wenige Junglehrer/innen, die glauben, ihre Anstellung von einem Lehrerverein bekommen zu haben.

Wechselt ein/e Lehrer/in den Bezirk, so wissen auch im neuen Arbeitsbereich sofort die Vorsitzenden der Dienststellenausschüsse (alle von ebendiesem Lehrerverein) Bescheid und kümmern sich umgehend um den Neuankömmling. Damit sie dafür auch ausreichend Zeit finden, werden ihnen seitens der Landesbehörde großzügige Kontingente an Freistellungsstunden zuerkannt. Es lohnt sich also, sich in der Personalvertretung zu engagieren - vorausgesetzt, man gehört der richtigen Gruppierung an. Auch als Vorsitzende/r der Bezirksgewerkschaft (alle Vorsitzenden in Oberösterreich gehören derselben Fraktion an) erhält man zwei Stunden Lehrpflichtverminderung, indem man die Funktion einer "Sicherheitsvertrauensperson" ausübt.

Wenn man es ganz weit nach oben schafft, kann man auch Mitglied des Zentralausschusses werden. Dieser besteht in Oberösterreich aus elf Personen (9 CLV/ 1 Plattform Unabhängige und Grüne/ 1 SLÖ), von denen nicht weniger als sechs vom Dienst freigestellt sind und die alle derselben Fraktion angehören. Was insofern praktisch ist, als dann bei allfälligen Aktivitäten des Zentralausschusses oder der Lehrergewerkschaft die Kommunikation mit anderen Fraktionen de facto auf Null reduziert wird.

Es gibt zudem einen Lehrerunterstützungsverein (LUV), über den man, so man Mitglied ist, günstige Kredite in Anspruch nehmen kann. An sich eine gute Einrichtung - nur: Der Vereinsvorsitz gehört automatisch zu den Agenden des Vorsitzenden im Zentralausschuss. Was im Falle einer positiven Erledigung dazu führt, dass der Begünstigte sich nicht nur über den Kredit, sondern auch über eine via Zentralausschuss übermittelte schriftliche Freudenkundgebung seitens des größten Lehrervereins freuen darf.

Auf dieselbe Weise entlädt sich im Übrigen auch dessen Zuwendungsbedürfnis, wenn der Dienstgeber einem Antrag auf Bezugsvorschuss stattgibt. .

Man sieht also: beste Betreuung in allen Lebenslagen. Das System ist perfekt durchorganisiert und verhindert in realiter jede Konkurrenz. Kein Wunder also, dass man sich mit allen Mitteln wehrt, Landeskompetenzen an den Bund abgeben zu müssen. Im Gegenteil: Man ist bemüht, auch die jetzigen Bundeslehrer in Landeslehrer zu verwandeln, weil damit auch die Durchgriffsmöglichkeit an den höheren Schulen gesichert wäre. Warum wohl wehrt sich die ÖVP-nahe Gewerkschaft der höheren Schulen nicht lautstark gegen die drohende "Verländerung"?

Schließlich bringt das durchorganisierte System nicht nur Wählerstimmen bei Personalvertretungswahlen. Auch bei Gemeinderats- und Landtagswahlen ist auf gut betreute Wähler/innen aus dem Schulwesen Verlass. Lehrer/innen sind zudem häufig in örtlichen Vereinen aktiv und fungieren somit als Multiplikatoren.

Ja, die Versuchung, Bildungspolitik - je nach ideologischer Präferenz - als gesellschaftliches Veränderungs- oder Bewahrungspotenzial zu betrachten, ist groß, die Angst, auf diesem Weg gesellschaftspolitischen Einfluss zu verlieren, nicht minder. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine an der Sache orientierte Entwicklung zum Wohle der Schüler. Wobei letztendlich egal ist, ob ein Land rot oder schwarz regiert wird - ein Parteiwechsel im Ministerium bedroht dann eben jeweils die anders gefärbten "Fürsorger".

Was tun? - "Die Bildungspolitik endlich von Parteiinteressen befreien! ", schrieb ein Kollege dieser Tage in einem Brief. Er müsste demnächst beim Christkind ankommen ...(Thomas Wintersberger, DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2010)

THOMAS WINTERSBERGER ist Vorsitzender der Unabhängigen Pflichtschullehrer in Oberösterreich und unterrichtet an der PTS Leonding (Linz).

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