"Studierende sollen für jede Prüfung Geld zurückbekommen"

26. November 2010, 07:30
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Der Wissenschaftssprecher der Grünen über Vorschläge, wenn Studiengebühren wiederkommen

Für Kurt Grünewald ist Bildung "die Befreiung des Menschen". Im Interview mit derStandard.at erkärt er, warum der Mediziner-Test "klonierte Dalmatinerbabies" produziert und woher er das Geld für die Unifinanzierung nehmen würde. Die Grünen haben für den Fall, dass sie Studiengebühren nicht verhindern können, bereits ein Konzept ausgearbeitet. "Ich möchte nicht unvorbereitet sein", so Grünewald. Die Fragen stellte Lisa Aigner.

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derStandard.at: Am Wochenende haben Sie Vorschläge für den Fall gemacht, dass Studiengebühren kommen. Rechnen Sie bald mit einer Wiedereinführung?

Grünewald: Wir Grüne sind strikt gegen Studiengebühren, weil wir ohnehin zu wenig Studierende haben und Anreize schaffen müssen. Zurzeit rechne ich auch damit, dass die SPÖ bei ihrer Meinung bleibt und Studiengebühren nicht einführt. Aber: Für den Fall, dass wir im Parlament überstimmt werden, möchte ich nicht unvorbereitet sein. Deshalb habe ich gesagt, dass wir im Fall einer von uns abgelehnten Wiedereinführung der Studiengebühren, die Zahl der StipendienbezieherInnen auf den europäischen Durchschnitt anheben und somit verdoppeln. Außerdem sollen Studierende für jede Prüfung, die sie ablegen, etwas von ihren Gebühren zurückbekommen. Hier packen wir die ÖVP an ihrem Leistungsgedanken. Zusätzlich schlage ich vor, dass Studierende zinsfrei einen Kredit bekommen. Gemeinsam mit dem Stipendium sollten dann alle ein Einkommen in der Höhe von 900 Euro haben. 

derStandard.at: Sie nehmen öfter an Veranstaltungen der Studierendenprotest-Bewegung teil und tauchen auch im unibrennt-Film auf. Warum beteiligen Sie sich am Protest der Studierenden?

Grünewald: Die Studierenden haben es nach Jahrzehnten geschafft, Bildung als Thema wieder stärker in die Medien zu bringen. Bildung als Wert geht weit über Kindergarten, Schule oder Universität hinaus. Studierende reduzieren die Debatte nicht auf Studiengebühren oder Zugangsverfahren, sondern beschäftigten sich mit Bildung als Wert an und für sich. Sie haben über den Tellerrand hinausgedacht und den Zusammenhang zwischen Armut und Bildung und sozialer Herkunft und Bildung hergestellt. Das war eine ungeheure, imponierende Leistung. Mein Wunsch war, den Studierenden zu helfen, dass diese für die Universitäten und Österreich so wichtige Initiative nicht versandet und alles zu tun, um ihnen zu helfen. Sie brauchen bei größeren Querelen mit den Rektoren Fürsprache und Vermittlung und da habe ich mich bemüht, das meine zu tun.

derStandard.at: Können Sie die Distanz nachvollziehen, die Wissenschaftsministerin Beatrix Karl und die Rektoren der Protestbewegung gegenüber immer wieder zeigen? 

Grünewald: Nein. Aber ich glaube diese Distanz hat mehrere Gründe. Österreichische Minister waren selten mit breiten und lauten Protestbewegungen konfrontiert. Sie stammen einerseits auch aus einem Milieu - ich will das jetzt nicht lächerlich machen - wo man Krawatten trägt. Bei manchen Dingen sagen sie dann reflexartig: „Igitt Igitt, was ist denn das?" Das Ungewohnte, nicht Geübte, völlig Fremde hat einige Leute irritiert. Ein anderer Grund ist, dass radikale Forderungen für niemanden angenehm sind, wenn man keine Antworten darauf hat. Die Politik hatte vielfach auf die Fragen und die Forderungen, die die Studierenden stellten, keine Lösungen parat. Das ist natürlich beschämend. Es gibt in Österreich keinen Hochschulplan und keine nationale Forschungsstrategie. Man weiß nicht, was eine Studierende auf der juridischen Fakultät oder einer, der Elektrotechnik studiert, kostet. Es ist blamabel, wie hoch das Unwissen auf diesem Sektor ist. 

derStandard.at: Sie kritisieren oft die Ökonomisierung der Bildung. Was verstehen Sie unter diesem Schlagwort und was stört Sie daran?

Grünewald: Ökonomisierung ist, wenn man nur mehr auf den unmittelbaren Ausbildungswert schaut, auf den Wert für Wirtschaft und Industrie. Wenn sich Bildung und deren Finanzierung auf das vordergründig Nützliche beschränkt, ist das eine massive Reduktion des Bildungsbegriffes. Es war notwendig, dass die Studierenden sich dagegen gewehrt haben und immer noch wehren. Ich sehe in Bildung zuerst einmal die Möglichkeit - das klingt jetzt etwas geschwollen, aber ich meine es ernst - der Befreiung des Menschen. Unwissen macht unfrei, je mehr ich weiß, desto breiter werden meine Handlungsmöglichkeiten, desto eher kann ich mich in einer immer schwieriger zu verstehenden Welt orientieren, desto eher bin ich gerüstet gegen Verführungen und gegen Phrasen und Schlagworte. Eigentlich ist Bildung die Emanzipation des Menschen und auch die Emanzipation vor den Tricks der Politik. Teilweise scheint mir, dass jene, die regieren, kein großes Interesse haben, die Menschen so aufzurüsten, dass sie, die sakrosankt sind, kritisiert werden.

derStandard.at: Sie haben am Hochschuldialog teilgenommen und auch mit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl zusammengearbeitet. Wie haben Sie das erlebt?

Grünewald: Zusammengearbeitet wäre etwas übertrieben. Ich habe anfänglich den Dialog als Chance gesehen, alle Betroffenen zusammenzubringen. Wo Rektoren und andere die Angst vor der Konfrontation mit Studierenden verlieren, lernen ihnen zuzuhören und wo Industrie und Wirtschaft begreifen, dass nicht jeder, der einen Hörsaal besetzt, ein Terrorist ist. Es hat lange gebraucht, aber es hat zwischen den einzelnen Gruppen ein gewisses Tauwetter gegeben. Die Studierenden sind teilweise auf Verständnis gestoßen. Daraus hätte etwas entstehen können. Das Problem war, dass die Rektoren nicht sehr geduldig waren. Ihnen war der Fortschritt viel zu langsam. Das Verständliche am Ausstieg der Rektoren aus dem Hochschuldialog war, dass wir über Dinge gesprochen haben, die nicht verbindlich waren. Ich wollte, dass man diese Debatte ins Parlament hineinträgt. Der Tod des Dialogs war, dass für das, worauf wir uns einigen hätten können, kein Geld da gewesen wäre. 

derStandard.at: Was halten Sie allgemein von der Wissenschaftsministerin und Ihrer Arbeit?

Grünewald: Positiv ist, dass sie die Universitäten und deren Binnenstrukturen kennt und weiß, wie schwer es vielfach für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, Fuß zu fassen. Da hat sie sicher auch unter den antiquierten Hierarchien mitgelitten. Darüber kann man mit ihr noch am ehesten reden.
Andererseits verteidigt sie die ÖVP-Linie auf Biegen und Brechen. Was sehr populistisch ist, ist, wenn eine ÖVP-Ministerin versucht, Klassenkampf für sich zu nutzen. Sie sagt, dass der arme Eisenbahner aus Leoben das Studium der Töchter reicher Bankiers bezahlt. Das ist Unsinn. Es gibt Daten, die zeigen, dass das obere Einkommensdrittel beim kostenlosen Zugang Nettofinanzier ist. Aufgrund ihres wesentlich höheren Steueraufkommens. Beim kostenlosen Zugang ist das untere Einkommensdrittel Nettoempfänger, weil es weniger einzahlt. Diese Schmähs gehen mir auf die Nerven. 

derStandard.at: Die Kritiker der aktuellen Hochschulpolitik bedienen sich aber auch am Populismus. So wird beispielsweise gefordert, dass die Unis mit dem Geld, dass derzeit in den Bau des Koralmtunnels fließt, zu finanzieren.

Grünewald: Beim Koralmtunnel sagen alle Verkehrspolitiker, außer Lokalmatadore, dass er Unsinn ist. Die Koralmstrecke ist noch weniger frequentiert als Graz-Linz und Graz-Innsbruck, wo die Direktverbindungen eingestellt wurden. Das ist nicht populistisch, auch Karl Aiginger vom Wifo argumentiert so.
Wir haben eine Reihe von Vorschlägen erarbeitet, wie man Geld beschaffen kann. Man könnte den Universitäten die Immobilien übertragen. Die Veterinärmedizinische Universität zahlt fast vierzig Prozent ihres Budgets in Mieten. Wenn die BIG Gebäude saniert, steigen die Mieten für die Universität. Dann gibt es staatliche Subventionierungen für Privatpensionen, die die größten Abzocker vor und nach der Wirtschaftskrise waren. Ich sehe nicht ein, warum der Staat 600 Millionen Euro in ein so fragiles System pulvern soll. Zudem muss man sich fragen, ob es wirklich klug war, Erbschafts- und Schenkungssteuer komplett abzuschaffen. Oder die Vermögensszuwachssteuer: Sie macht nur ein paar Prozent aus. Das ist kein kommunistisches Manifest, das wir da verlangen. Die Finanzierung der Universitäten ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens. 

derStandard.at: Karl argumentiert, dass die Universitäten mehr Drittmittel aus dem privaten Sektor brauchen. Was halten Sie davon?

Grünewald: Das sind einstudierte Floskeln. In Kleinstaaten wie Österreich hat man immer überproportional viele öffentliche Gelder in Bildung und Forschung. In großen Nationen mit Riesenkonzernen sponsern Private natürlich mehr. In Österreich betragen die Drittmittel vieler Universitäten bereits über die Hälfte des Grundbudgets der Universitäten. Mehr ist da nicht drin, vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise. Dann gibt es natürlich gesellschaftskritische Fächer, wo Sponsoring schwer möglich ist, weil das Firmen nicht verkaufen können. Wie will Karl per Gesetz Private dazu bringen, nachhaltig und verlässlich ihre Zuwendungen zu verdoppeln? Das sind leere Versprechungen und Ausreden.

derStandard.at: Sie haben selbst Medizin studiert. Wie beurteilen Sie den EMS-Aufnahmetest für Medizin in Wien und Innsbruck?

Grünewald: Das ist ein Test für alle. Ob die jetzt Psychotherapeuten werden wollen, Transplantationschirurgen oder medizinische Laborfachärztinnen, sie werden alle gleich getestet. Ich sage immer, wenn sie fertig sind, schauen sie aus, wie ein Rudel klonierter Dalmatinerbabies. 

derStandard.at: Aber viele Medizin-Rektoren und auch Karl weisen regelmäßig darauf hin, wie gut dieser Test funktioniert. 

Grünewald: Teilweise wird gelogen, was das Zeug hält. Dieser Test ist zwar besser als eine Losentscheidung. Aber ich habe mit einigen Fachleuten gesprochen, die sagen, dass der Test eine beträchtliche Fehlerquote - dreißig bis vierzig Prozent - hat, bei der jeder Personalchef einer großen Firma „nein" sagen würde. Die Aussagekraft ist gleich wie jene der Maturanoten. Er sagt nur etwas über die Studierfähigkeit und nichts über die Berufsfähigkeit aus. Ich weiß von Leuten an den Medizinischen Universitäten, die den Test mit Zähnen und Klauen verteidigen. Übertrieben gesprochen werden die Studierenden, die den Test bestanden haben, dann auch besser betreut und durch das Studium begleitet. Wenn viele durchfallen würden, dann würde das den Test beschädigen. Die Studienbedingungen sind dadurch natürlich besser geworden. 

derStandard.at: Ministerin Karl hat eine neues Projekt gestartet, um die Studienströme besser zu leiten: Die MINT-Kampagne. In einer aktuellen parlamentarischen Anfrage an Ministerin Karl machen Sie ihre MINT-Kampagne zum Thema. Was halten Sie davon?

Grünewald: Wenn man sieht, Österreich fehlen Techniker, dann sollte man diese Studien auch bewerben. Man muss aber aufpassen, dass Bildung dann nicht wieder als Ware gehandelt wird. Ich stelle mir die Frage, wie man das bewirbt. Da muss man in der Schule ansetzen. Es ist oberflächlich nur zu sagen: „Studiert das". Schüler müssten die Möglichkeit haben, Schnupperwochen zu machen. Man kann nicht auf Knopfdruck in den Gehirnen der Leute etwas umschalten. 

derStandard.at: Bildungswissenschaftler Ribolits hat im derStandard.at-Chat Österreich als Intellektuellenfeindlich bezeichnet. Würden Sie dem zustimmen?

Grünewald: Ich hab das in letzter Zeit auch öfter gedacht und ein paar Mal schon gesagt. Ich kann die Debatte langsam anders nicht mehr verstehen. Die Unis kriegen achtzig Millionen, aber 120 hat die Regierung weggenommen. Das versteht jeder Trottel, dass wir also nicht achtzig Millionen Euro bekommen haben, sondern vierzig Millionen weniger. Ich glaube nicht, dass die Regierung so blöd ist, aber sie tut so blöd. Das ist absichtliche Verschleierung und Täuschung. (derStandard.at, 26.11.2010)

  • Bei der Qualität des Medizinertests wird laut Grünewald "gelogen, was das Zeug hält".
    foto: derstandard.at/aigner

    Bei der Qualität des Medizinertests wird laut Grünewald "gelogen, was das Zeug hält".

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