Glanzvoller Weg zur Guillotine

22. November 2010, 17:10
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Erfolgreiche Ballett-Uraufführung "Marie Antoinette" an der Volksoper

Wien - Die erste Uraufführung unter seiner Direktion hat Ballettchef Manuel Legris in die Hände von Patrick de Bana gelegt. Der Deutsche mit nigerianischen Wurzeln wurde an John Neumeiers Ballettschule in Hamburg ausgebildet und tanzte unter anderen für Maurice Béjart.

Marie Antoinette ist de Banas erste abendfüllende Choreografiearbeit nach einer Vorlage von Jaime Millás. De Bana spannt den Bogen von Marie Antoinettes Leben am Wiener Hof, ihrer Heirat als Vierzehnjährige mit dem französischen Dauphin über ihren extravaganter Lebensstil in Versailles bis zu ihrer Hinrichtung während der Französischen Revolution.

Getanzt wird zur Musik von Zeitgenossen der späteren französischen Königin, etwa von Wolfgang Amadeus Mozart, oder von Barockmusikern wie Georg Philipp Telemann und Antonio Vivaldi. Eigens für alle Tanzszenen des Schicksals und des Schattens von Marie Antoinette komponierte der Andalusier Luis Miguel Cobo die Musik. Mitreißend getanzt von Kirill Kourlaev und Elisabeth Golibina treten Schicksal und Schatten gleich im ersten Bild auf - unter dem wachsamen Blick Maria Theresias (Dagmar Kronberger), die ihr eigenes Denkmal mimt.

Gleich zu Beginn stellt de Bana sein Bewegungsvokabular vor: Wackelig schleppt sich das Schicksal herein; der Schatten hingegen bewegt sich weich und ausschweifend, kleine, seitliche Trippelschritte deuten die marionettenhafte Dimension höfischen Lebens an. Spitzenschuhe gibt es bei de Bana nicht, und der Hofstaat darf schon mal elegant am Boden sitzen.

Olga Esina als Marie Antoinette, Roman Lazik als Ludwig XVI. und Ketevan Papava als Madame Elisabeth haben starke Momente. Doch fast stehlen ihnen das Schicksal und der Schatten Marie Antoinettes die Show. Die von Brüchen, Verzögerungen und originellen Hebefiguren geprägten Gruppenauftritte in wechselnden Konstellationen sind die Glanzstücke des Abends.

Ihrer ursprünglichen Profession als Ballerina entsprechend, sind die Kostüme der Französin Agnès Letestu sehr bewegungsfreundlich. Extravagant die höfische Herrenkleidung: körpernah geschnittene Ärmelröcke (Justaucorps), kombiniert zu Hotpants.

Die Bühne ist mit Treppen, Spiegelwänden und -pilastern bestückt. Als Palastambiente schweben glitzernde Swarovski-Ketten von der Decke herab - im Zusammenspiel mit den Kostümen ein kühl durchdachter und hochgradig ästhetischer Effekt.

Der Wiener Hof trägt, so wie die um ihren Mann trauernde Maria Theresia, schwarz. Die Pariser Gesellschaft treibt es dagegen bunt. Unterschiede zwischen dem Wiener und dem französischen Hof sind klar herausgearbeitet. In Frankreich angekommen, ist das Schicksal der jungen Frau besiegelt. Schnell landet sie im Gefängnis; hier zeigt sich ein letztes Mal, dass sie mit ihrem Mann auch Liebe verband. Am Ende ist das Königspaar in rotes Scheinwerferlicht getaucht. Das Beil fällt.

Tosender, lang anhaltender Applaus, durchsetzt von wenigen Buhrufen für Patrick de Bana.  (Bettina Hagen, DER STANDARD - Printausgabe, 23. November 2010)

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