Mit Gummiwurst und Strafmandat

19. November 2010, 17:27
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Traumjob Revierinspektor

Am vergangenen Sonntagmorgen, man gönnt sich ja sonst nichts, habe ich im Billa am Praterstern ein paar nette Lebensmittel fürs Frühstück eingekauft. Ich gehe zur Kassa, wuchte mein Zeug aufs Laufband, übersehe aber, dass die Kassierin just vor mir dieses „Bitte begeben sich an eine andere Kassa“-Schildchen aufgepflanzt hat.

Der Kunde vor mir, ein etwa 65-jähriger Herr mit klassischer Wiener Grant-Physiognomie, war aufmerksamer und erteilt mir sofort einen Ordnungsruf: „Ned an dea Kassa! (Erboster Fingerzeig auf das Schildchen). Jo hearn S’, seng denn Sie des ned?“

So etwas passiert einem in Wien ständig. Kein Zweifel: An diesem Herrn war ein Polizist verlorengegangen. Aber nicht nur an ihm. In Wahrheit wäre _eigentlich jeder Österreicher am liebsten Polizist, um, mit der Autorität des staatlichen Ordnungshüters ausgestattet, stets nach dem Rechten sehen zu können. Wo andere Nationen ein Über-Ich haben, da hat der Österreicher einen Revierinspektor.

Ich hege ja die Vermutung, dass gerade Repräsentanten der liberalsten Berufe (Rechtsanwälte, Journalisten, Werber, Kabarettisten etc.) in ihrer Freizeit die engagiertesten Hobbypolizisten sind. Dies deshalb, weil sie im Sinn ihrer Work-Life-Balance dar_auf achten, dass das liberale Element in ihrem Dasein nicht die Oberhand gewinnt.

Nehmen Sie etwa meinen Bekannten Dr. M., einen Alternativmediziner (spezialisiert auf TaiChi, Schüsslersalze und Schröpfkuren). Er hat seine Wohnung zu einem regelrechten Kommissa_riat umgestaltet. Kaum kommt er am Abend aus der Ordination nach Hause, wirft er sich sofort in seine Polizeiuniform und tritt seinen Dienst an.

Zuerst einmal sichert er Spuren in Wohn- und Schlafzimmer und nimmt die Personalien seiner Familie auf. Dann perlustriert er seine Gattin. Ist der Schäferhund lästig, legt er ihm Handschellen an. Wenn die Kinder maulen, erteilt er ihnen ein Organstrafmandat und eine Rechtsmittelbelehrung. Gelegentlich, wenn er lustig aufgelegt ist, darf ihm die Gattin mit seiner Gummiwurst eins überbraten.

Der Mann hat eine Lebensform gefunden, die es ihm erlaubt, die diversesten Neigungen zu befriedigen. Nur eines fehlt ihm noch zum vollen Glück: die Beförderung zum Oberrevierinspektor. Ich hoffe, dass die Schottermitzi, wenn sie diese Kolumne liest, etwas für ihn tun kann. (Christoph Winder, ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2010)

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