Vom Kommen und Gehen

19. November 2010, 17:01
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Der mexikanische Tenor Rolando Villazón präsentierte im Wiener Konzerthaus das Repertoire seiner neuesten CD "Mexico!"

Ein Abend für Freunde sehr deftig dargebotener leichter Lieder.

Wien - Jener Sänger, der unlängst am Ort seiner Triumphe (Wiener Staatsoper) zur angesetzten "Bohème" (wie befürchtet) nicht erscheinen konnte, sang final, mit einem lustigen Sombrero bekränzt, "La Cucaracha" ("Die Küchenschabe"). War nicht nötig. Viele hatte es schon zuvor von den Stühlen gerissen, es war längst gewiss: Sollte es mit der Oper nichts mehr werden, was keiner hofft, ist Rolando Villazón eine Karriere mit leichtem Liedgut sicher, die ihren Höhepunkt womöglich im Musikantenstadl erreichen wird.

Daran ist nichts auszusetzen. Auch die Kunst der leichte Schlagermuse ist ein ernst zu nehmendes Genre, das voll der hart arbeitenden Künstler ist. Allerdings scheinen bei Villazón in diesem Bereich noch einige Talente in Entwicklung. So würde es Barden wie Helmut Lotti, Andrea Bocelli oder Geiger André Rieu nie einfallen, alle zwei, drei Nummern hinter der Bühne zu verschwinden, um der Band (hier die Bolivar Soloists) das Feld zu überlassen.

Und schon gar nicht würden die Rieus dieser Welt nach der Pause nur kurz vorbeikommen, um einem anderen Künstler für drei Nummern (hier ein guter Klassikgitarrist) die Bühne zu überlassen. Villazón ist natürlich ein notorisch lustiges Kerlchen, bei dem auch die Entschuldigung für das unentwegte Verabschieden vom Publikum einen gewissen Charme erlangt. Er sollte das ausbauen. Wie er überhaupt dazu übergehen könnte, Musikkabarett zu machen. Er hat ja auch Clown gelernt.

Sollte er jedoch bei Musikdarbietungen fern der Oper verweilen, empfiehlt sich für ihn dringend der Konsum von DVDs, anhand derer er Leute wie Tony Bennett, Frankie Boy oder wie die alten raffinierten Sänger hießen, studieren könnte. An ihren Beispielen erkennt man, was es heißt, Bühnenauftritte dezent und doch effektvoll zu inszenieren. Auch Rex Gildo käme als Studienobjekt in Frage, zumal selbiger seinerzeit auch einen passenden Schlager zelebrierte ("Fiesta Mexicana").

Noch wirkt Villazón nämlich im Reich des von ihm gewählten heimatlichen Mexiko-Repertoires wie ein Opernsänger, den man aus einer schlechten Inszenierung ins Konzert herübergebeamt hat. Oder wie ein Wesen, dessen Hände 20 Jahre lang gefesselt waren und das die neue Freiheit nun überschäumend auskostet.

Zudem: Sind die erwählten Songs (auf Villazóns "Mexico!"-CD zu finden) voll der großen Gefühle, erfordert ihre Umsetzung neben Emphase auch Intimität. Schon allein der Abwechslung wegen. Bis auf "Bésame mucho" jedoch, hier war Villazón dezent und enspannt, wurde die Lieder aufgebläht zu lautstarken Demonstrationsobjekten eines langen vokalen Atems. Villazón - quasi ein Verliebter, der unterm Fenster seiner Angebeteten eine Serenade präsentiert. Dermaßen übertreibend allerdings, dass alle Bewohner der Stadt aus dem Schaf gerissen würden.

Und: Klingt die Stimme in der Höhe schön, wird sie in der Tiefe zum Schauplatz von Grobheiten, die bezüglich der Opernzukunft der Stimme noch immer nichts Gutes verheißen. "Der größte Sänger der Welt ist hier", sagte Villazón und meinte den anwesenden Plácido Domingo. Vom "Größten" hätte er, als noch Zeit war, den effizienten Umgang mit vokalen Kräften abschauen sollen. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 11. 2010)

 

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    Tenor Rolando Villazón: mit schwerem Vokalgeschütz ins leichte Liedfach - wenn er nicht schnell hinter der Bühne verschwand.

     

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