"Selbstlos zu handeln macht glücklich"

19. November 2010, 17:00
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Mit "Geben und Nehmen" setzt die Quadriga 06 am 25. November die öffentliche Buchpräsentationsreihe des Parlaments fort - Stefan Klein wird mit "Der Sinn des Gebens" einer der Gäste sein

STANDARD: Herr Klein, den Altruisten gehört die Zukunft, das ist die Quintessenz Ihres neuen Buches "Der Sinn des Gebens". Wieso haben Sie sich mit diesem Thema befasst?

Klein: Das Thema beschäftigt mich seit mehr als 15 Jahren. Schon damals ärgerte ich mich über ein Bild, das Wissenschafter vom Menschen zeichneten. Ob Biologen, Evolutionspsychologen oder Ökonomen, sie alle beschrieben uns als zutiefst eigennützige Wesen. Wenn wir zum Wohle anderer handelten, so sei das nur eine Illusion. Das konnte ich nicht glauben. Seitdem verfolge ich die Forschung auf diesem Gebiet. Heute lässt sich das Dogma vom Menschen als reinem Egoisten nicht mehr aufrechterhalten.

STANDARD: Wieso haben Sie so lange zugewartet, dieses Buch zu schreiben?

Klein: Der letzte Auslöser war die Finanzkrise. Eine Ursache des Debakels war ein Anreizsystem, welches nur kurzsichtiges und rein eigennütziges Verhalten begünstigt hat. Dahinter stand die leider unbegründete Hoffnung, dass ein Gemeinwohl am besten funktioniert, wenn es jeden Einzelnen in seinen egoistischen Antrieben bestärkt. So gingen im September 2008 nicht nur Banken, sondern auch ein Menschenbild unter.

STANDARD: Und was kommt jetzt?

Klein: Wesentlich ist die Erkenntnis, dass wir uns in vielen Situationen auch und sogar besser behaupten können, wenn wir zum Wohle anderer handeln. Menschen sind keine autonomen Individuen, das ist Fiktion. In Wahrheit sind wir auf Gedeih und Verderb von der Gemeinschaft abhängig, in der wir leben. Abhängigkeitsverhältnisse funktionieren aber nur dann, wenn jeder Einzelne bereit ist, für den anderen etwas zu tun, ohne auf den eigenen Nutzen zu achten. Und wer sich selbstlos verhält, macht auf Dauer die besseren Geschäfte, das wurde in vielen Experimenten belegt.

STANDARD: Das heißt, Altruismus lohnt sich nicht in jedem Fall, aber auf längere Sicht sicherlich.

Klein: Sehr oft ja. Bei verschiedenen Versuchen hat sich gezeigt, dass sich die Gesellschaft aus weniger als 30 Prozent reinen Egoisten, 20 Prozent unbedingten Altruisten und über 50 Prozent von Menschen zusammensetzt, die dann altruistisch agieren, wenn sie sehen, dass es andere auch tun. Eine Studie mit Zürcher StudentInnen hat das sehr deutlich gemacht. In der Schweiz gibt es hohe Studiengebühren. Darüber hinaus können Studenten freiwillig zugunsten des Sozialfonds für ausländische Kommilitonen spenden. Auf einer Hälfte der Einzahlungsformulare platzierten Forscher den Vermerk: "Die Mehrheit deiner Kollegen spendet für den Sozialfond", während auf der anderen Hälfte der Satz "Die Mehrheit deiner Kollegen spendet nicht" stand. Ergebnis: Fast alle Studierenden, die den positiven Satz lasen, spendeten, dagegen gaben fast alle, die das pessimistische Formular bekamen, nichts.

STANDARD: Das heißt, Menschen verhalten sich dann altruistisch, wenn es auch andere tun.

Klein: Ja, deshalb ist es wichtig, selbstloses Engagement sichtbar zu machen. Wir geben gerne und viel, solange wir nicht das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden. Wenn dies sichergestellt ist, sind erstaunlichste Akte der Selbstlosigkeit möglich. Wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass über Nacht eine riesige Wissensdatenbank wie Wikipedia aufgrund selbstloser Initiative 100.000er Menschen entsteht? Niemand.

STANDARD: Ihre Erklärung dafür?

Klein: Die Wikipedianer sagen es in Umfragen selbst: Es ist schön, Wissen mit Menschen zu teilen, selbst wenn man mit ihnen nie etwas zu tun haben wird.

STANDARD: Zufriedenheit als Lohn?

Klein: Mehr noch: Für andere zu sorgen schützt nicht nur vor Einsamkeit und Depression. Selbstlosigkeit macht glücklicher und erfolgreicher und beschert uns - nachweislich - ein längeres Leben. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.11.2010)

STEFAN KLEIN (Jahrgang 1965) ist einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren deutscher Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie, seine Bücher "Die Glücksformel", "Alles Zufall" und "Zeit" waren Bestseller. Bei der Literaturveranstaltung Quadriga von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer diskutiert Klein über "Geben und Nehmen" u. a. mit Sozialexperten und Autor Martin Schenk ("Es reicht! Für alle!") und Standard-Redakteur Helmut Spudich ("Reich & gut: Wie Bill Gates & Co. die Welt retten"). Donnerstag 25. November 2010, 18.30 Uhr, Palais Epstein.

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    "Selbstlosigkeit macht uns glücklicher und erfolgreicher und beschert uns - nachweislich - ein längeres Leben", sagt Bestsellerautor Stefan Klein.

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