"The Kids Are All Right": "Amerika ist als Kultur selbstreflexiver geworden"

17. November 2010, 17:05
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In Lisa Cholodenkos Komödie "The Kids Are All Right" spielt Mark Ruffalo den Samenspender für ein lesbisches Ehepaar

Dominik Kamalzadeh sprach mit dem US-Schauspieler über neue Familien mit alten Nöten.

Standard: In einem Interview mit dem "Guardian" haben Sie sich "journeyman-actor", als Wandergeselle des Schauspiels, bezeichnet. Was meinten Sie damit?

Ruffalo: Ein Schauspielergeselle hat einen langen Weg vor sich, der mit vielen Erfahrungen und Charakteren besetzt ist - das hat etwas mit solidem Handwerk zu tun, ist manchmal erleuchtend, manchmal gar nicht. Mir geht es um den Unterschied zwischen einem Filmstar und einem gewöhnlichen Schauspieler - ich sehe mich nicht als Star; es gibt noch den Begriff Charakterdarsteller, diese Idee gefällt mir auch, aber Schauspielergeselle passt besser zu mir. Ich mache eine lebenslange Reise durch meine Karriere - ein wenig wie eines meiner Vorbilder, Marcello Mastroianni.

Standard: Martin Scorsese, David Fincher, Michael Mann oder Michel Gondry - Sie haben mit einigen der interessantesten Regisseure der Gegenwart zusammengearbeitet. Scorsese haben Sie sogar ein Fax geschrieben, weil Sie mit ihm arbeiten wollten. Stimmt das?

Ruffalo: Ja, das habe ich tatsächlich gemacht, und es hat ein paar Jahre gedauert, bis er geantwortet hat. Ich habe viel Glück bei meiner Zusammenarbeit mit Regisseuren gehabt. Ich suche nur Parts aus, die mich interessieren, die etwas Wichtiges zu sagen haben. Oder solche, die ich noch nie zuvor gespielt habe. Ich verbringe viel Zeit am Theater, da kam ich mit anderer Literatur in Kontakt - ich habe über die Jahre einfach Geschmack entwickelt. Das Leben eines Schauspielers besteht hauptsächlich aus Entscheidungen. Meist machst du das, was eben so auftaucht.

Standard: In "The Kids Are All Right" ist Paul, Ihre Figur, mit einem ungewöhnlichen Familienkonzept konfrontiert - mit zwei lesbischen Frauen, für deren Kinder er der Samenspender war. Als Mann sorgen Sie für Unruhe. Sind Sie die Bedrohung dieser Familie?

Ruffalo: Nein, das nun auch wieder nicht. Er hat nichts so Archetypisches wie eine Bedrohung an sich. Paul ist eigentlich sehr positiv für die Familie. Er führt eine Veränderung herbei, die längst notwendig ist. Für alle. Vielleicht ist er eine Bedrohung für den Zustand der Familie, aber das geht ohnehin nicht so weiter: Wenn Paul nicht käme, dann eben jemand anderer. Man kann die Kinder nicht zurückhalten, sie suchen ihre Unabhängigkeit, und auch die Ehe ließe sich nicht weiter aufrecht erhalten, ohne dass etwas zerbräche. Ich mochte diese Dynamik. Ich mochte, dass Paul jeden jungen Mannes Traum verkörpert. Entweder will man so sein wie er oder mit ihm Zeit verbringen.

Standard: Er hat etwas sehr Lebensbejahendes an sich.

Ruffalo: Ja, eine joie de vivre. Er entschuldigt sich nicht für das, was er ist. Er will nicht jemand sein, der er nicht ist. Er hat Freundinnen, ein Motorrad - er lebt frei und ungebunden. Keine Verantwortungen, Mann! Zugleich gibt es in ihm diese tiefe Traurigkeit, ein Begehren, das nicht erfüllt wird. Paul ist eine Figur, die man kennt. Meine Frau und ich hatten einen alten Freund, einen berühmten Junggesellen in Hollywood. Er war 70 Jahre alt und umgab sich immer mit 20-jährigen Models, die meist oben ohne herum liefen. Er fuhr einen limettengrünen Mercedes, hatte ein Haus am Hügel mit Pool. Aber auf seinem Totenbett sagte er: Ich bereue, dass ich keine Familie habe. Das war ziemlich tiefgründig.

Standard: Man sucht immer das Gegenteil von dem, was man hat.

Ruffalo: Oh ja - das Gras ist immer auf der anderen Seite grün! Paul hat noch nie eine Frau um irgendetwas gebeten - am Ende fleht er eine Lesbe an, mit ihm davon zu laufen. Das ist ein toller Twist, und sehr lustig! Ich glaube auch nicht, dass er am Ende weggehen wird. Das war nicht das letzte, das wir von ihm gesehen haben. Ich bin da ganz hoffnungsfroh.

Standard: Interessant ist auch, dass es um eine progressive queere Familie geht, die richtiggehend für ihre Familienwerte kämpft - das ist doch eigentlich ein konservatives Modell. Wie sehen Sie das?

Ruffalo: Ich glaube, es ist im Herzen eines Menschen tief verwurzelt, eine Familie zu haben, ob in einer ungewöhnlichen oder ganz normalen Konstellation. Was hier so schön gelingt, ist, ein neuartiges Familienmodell aus zwei Lesben mit Kindern und einem Samenspender herzunehmen und daraus sehr schnell einen Familienfilm zu machen. Was das Publikum erfährt, alles Eigenwillige, der Humor, die Freude, kommt von vertrauten Dingen. Sie sehen sich selbst in einer langen Beziehung, die dummen kleinen Streits, das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern usw. Das Lachen über solche Situationen entsteht nur, wenn man etwas Universelles berührt.

Standard: Der Film bringt Sensibilität für manchmal recht ungelenke, linkische, leicht peinliche Momente zwischen Figuren auf - etwas, das im gegenwärtigen US-Kino öfters auftaucht. Haben Sie eine Idee, woher das kommt?

Ruffalo: Das ist spannend. Es gibt tatsächlich viele Filme dieser Art zurzeit. Es ist vielleicht eine Introspektion, die aus dem Krieg herrührt: der Zusammenfall des amerikanischen Empire, das wir kannten. Amerika ist als Kultur selbstreflexiver geworden. Es ist wohl so ein Generationending: dieser Humor, der Peinlichkeiten forciert. Die Menschen sind auf merkwürdige Weise füreinander unerreichbar. Die Befangenheit kommt aus einem Mangel an Kommunikation.

Standard: Man sieht dem Ensemble, Julianne Moore, Annette Bening und Ihnen förmlich an, wie viel Spaß sie hatten. Gab es dafür bestimmte inszenatorische Voraussetzungen?

Ruffalo: Lisa liebt ihre Schauspieler und bewirkt, dass man sich frei und ungezwungen fühlt. Sie interessiert sich für das, was nicht ausgesprochen wird. Sie hat große Disziplin darin, einen Schauspieler mehr über die Figur wissen zu lassen, als sie es selbst tut. Sie lässt es zu, dass man Ideen einbringt. Zugleich ist sie sehr konzentriert auf die Geschichte, auf die Räume, die man ausfüllen soll - das ist eine tolle Kombination für ein Independent-Movie, in dem alles von den Charakteren abhängt. Es wird ja kein großes Drama erzählt.

Standard: Ist der Film eigentlich mit digitaler Kamera gedreht?

Ruffalo: Nein, alles auf Film, wir haben aber nur 22 Tage lang gedreht, ich davon nur an sechs. Aber es machte großes Vergnügen. Es gab keine Spannung und Unnachgiebigkeit vonseiten der Regisseurin. Das ist ein spezielles Talent, denn man muss diese Atmosphäre herstellen können. Das fühlt man sofort. Es beginnt mit der Kleidung, die man anhat, den Orten. All das sagt einem sofort, in welcher Lebensumwelt man einen Film dreht.

Standard: Das klingt richtig materialistisch.

Ruffalo: Das ist es auch, auf vielerlei Arten.

Standard: Wie funktionierte das dann bei Ihren Sexszenen mit Julianne Moore, die sehr natürlich sind? Ich habe gelesen, Sie ist eine Freundin Ihrer Frau.

Ruffalo: Glauben Sie mir, das macht solche Szenen viel einfacher! Ich brauche mir keine Gedanken darüber machen, wie ich performe... - verstehen Sie? Ich muss mich zuhause nicht fragen lassen: Mit wem drehst du diese Szenen da heute? Meine Frau vertraut Julianne. Und ich fühle mich ganz behaglich mit ihr, es sind ja auch komische Sexszenen. Und die sind schwer, wenn sie zugleich naturalistisch sein sollen. Das Wichtigste bei Komödien ist, dass es eine grundlegende Entspanntheit am Set gibt.

Standard: Wenn Sie nur sechs Tage gedreht haben - gab es davor zumindest Proben?

Ruffalo: Nein, wir sind da einfach reingestürzt. Wir sind ja Stammschauspieler - es gibt ganz viel Kommunikation, die schon passiert ist, von einem Schauspieler zum anderen. Es gibt ein sofortiges Verstehen auf vielen Ebenen. Manches davon ist einfach da, universell. Bestimmte Schauspieler haben bestimmte Arten des Miteinanders. Wir sind in derselben Gruppe, wenn man so will, machen das schon eine ganze Weile, einmal Indies, dann wieder größere Filme. Seltsam, aber man glaubt einander zu kennen. Man hat da also ein Bündel toller Schauspieler im Raum, jeder zieht seine Register - und dann beginnt dieses spielerische Hin- und Her.

Standard: Es ist also in gewisser Weise sportiv?

Ruffalo: Ja, das ist ein gutes Wort, das werde ich verwenden...

Standard: Sie haben schon erwähnt, dass Sie zwischen kleineren und größeren Arbeiten wechseln. Jetzt drehen Sie mit "The Avengers" sogar Ihren ersten Blockbuster, in dem Sie den Superhelden Hulk spielen.

Ruffalo: Meine Schublade ist, dass ich nicht einfach zu schubladisieren bin. Ein Grund, warum ich Schauspieler bin, ist: Ich leide unter einem Aufmerksamkeitsdefizit und bin schnell gelangweilt. Daher wollte ich mich einer Herausforderung in einer Welt stellen, vor der ich immer ein wenig Angst hatte. Je älter ich werde, desto weniger bedeuten mir alle diese Regeln und Rezepte. Ich wollte dorthin gehen, von wo ich in eine neue Richtung weggetragen werde. Robert Downey Jr., mit dem ich den Film mache, hat das Superhelden-Genre verändert - das ist meine feste Überzeugung!  (DER STANDARD, Printausgabe, 18. 11. 2010; Langfassung)

 

  • Salatzubereitung macht als Familie mehr Spaß: Paul (Mark Ruffalo) und 
seine "neuen" Kinder Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson) 
in "The Kids Are All Right". Ab Freitag im Kino.
Zur Person: Mark Ruffalo (42) studierte am Stella Adler Conservatory in Los Angeles Schauspiel. Mit dem US-Independent-Film "You Can Count On Me" feierte er 2000 seinen Durchbruch, seitdem zeigt er sich als so charismatischer wie verlässlicher Schauspieler in Filmen wie "Eternal Sunshine of a Spotless Mind", "Zodiac" und "Shutter Island".  
    foto: upi

    Salatzubereitung macht als Familie mehr Spaß: Paul (Mark Ruffalo) und seine "neuen" Kinder Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson) in "The Kids Are All Right". Ab Freitag im Kino.

    Zur Person:
    Mark Ruffalo (42) studierte am Stella Adler Conservatory in Los Angeles Schauspiel. Mit dem US-Independent-Film "You Can Count On Me" feierte er 2000 seinen Durchbruch, seitdem zeigt er sich als so charismatischer wie verlässlicher Schauspieler in Filmen wie "Eternal Sunshine of a Spotless Mind", "Zodiac" und "Shutter Island".  

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