AppleTV: On Demand wird der Konsument für dumm verkauft

21. November 2010, 14:13
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Online-Videothek verlangt für mehr Bequemlichkeit Preise fernab der Realität

Das Wohnzimmer ist für Elektronikhersteller der heilige Gral. Wer es schafft, seine Produkte im Zentrum der alltäglichen Freizeitgestaltung zu platzieren, dem ist zwar nicht ein ewiges, aber fürstliches Leben gewiss. So buhlen seit einigen Jahren neben TV- und Spielkonsolen-Herstellern sowie Fernsehdienstleistern auch Computerhersteller und Internetkonzerne um die Aufmerksamkeit der Couchpotatoes. 

Versuchten zunächst klobige und recht komplizierte Wohnzimmer-PCs das heimische Medienzentrum zu werden, sind in den vergangenen Jahren multifunktionale Spielkonsolen und noch kleinere Media-Boxen für Download-Inhalte wie Filme, Fotos und Musik immer populärer geworden. Allesamt bieten sie vor allem eines: Unabhängigkeit vom vorgekauten Angebot der Rundfunkanstalten. Doch, um eine echte Alternative zum Fernsehen stellen zu können, braucht es neben einer einfachen Bedienbarkeit auch eine entsprechende Angebotsvielfalt. Tauschbörsennutzer wissen bereits, woher sie ihre Inhalte beziehen, für den weniger versierten Massenmarkt und nicht zuletzt für ein sinnvolles Geschäftsmodell für die Medienanbieter braucht es Online-Videotheken.

Schwaches Angebot

In den USA findet sich bereits eine Vielzahl an unterschiedlichen On-demand-Videoangeboten. Vom werbefinanzierten "Hulu" über die Flatrate-Videothek "Netflix" bis hin zu dezidierten Angeboten von Spielkonsolenherstellern wie Sony oder Microsoft können in einigen Fällen auch mehrere Dienste auf universellen Medienzentren wie Streaming-Boxen oder Spielkonsolen genutzt werden. In Österreich und auch in vielen anderen Teilen Europas ist das Angebot abseits kostenloser Videoplattformen wie Youtube aufgrund uneinheitlicher Urheberrechtsgesetze allerdings sehr dünn gesät. Nach den inhaltlich dürftigen (und im ersterem Fall auch teuren) Filmdiensten Zune für Xbox 360 und Mubi für PlayStation 3 können heimische Konsumenten seit Kurzem auch Apples Online-Videothek über iTunes nutzen. Hierfür bietet der Hersteller optional eine kleine Streaming-Box namens "AppleTV" für 120 Euro an, die wie ein DVD-Player oder eine Konsole per HDMI-Kabel an den Fernseher angeschlossen wird, um so direkt auf dem TV-Gerät Online-Videos konsumieren zu können.

AppleTV oder wie Apple die Fernsehzukunft gerne hätte

Im Gegensatz zu konkurrierenden Streamingboxen beschränkt AppleTV die Medieninhalte im deutschsprachigen Raum auf kostenpflichtige Leihfilme aus dem iTunes Store, über den PC gestreamte Musik, Videos von Youtube, iTunes-Podcasts, Internet-Radio und Fotos des Bilderportals Flickr. Wer Filme von anderen Internetquellen über AppleTV schauen möchte, muss diese auf ein iTunes-freundliches Format konvertieren und mit dem PC über das lokale Netzwerk an AppleTV streamen. Eine externe Festplatte über USB lässt sich nicht anstöpseln.
Das ist mühsam und soll bewirken, dass sich Anwender auf das kostenpflichtige Angebot an Leihfilmen konzentrieren.

Bequem aber eingeschränkt

Über eine simplistische, schnell durchschaubare Benutzeroberfläche kann man mit der beigelegten Fernbedienung durch die neusten, beliebtesten und empfohlenen Filme der iTunes-Videothek blättern. Die Filme sind klar betitelt und sind an ihrem Cover gut erkennbar. Suchen darf man auch, die Titeleingabe ist mit dem Steuerkreuz der Fernbedienung allerdings etwas langatmig. Wählt man einen Film aus, werden genauere Informationen sowie eine Kurzbeschreibung aufgelistet und dazu passende Filme vorgeschlagen. Dazu hat man die Wahl, sich den Trailer oder eine kurze Vorschau anzusehen und natürlich den Film in SD- oder HD-Qualität auszuleihen. Kaufen kann man über AppleTV im Gegensatz zu iTunes auf dem PC nicht. Ein Bewertungssystem steht ebenfalls bereit.

Die gute Nachricht: Bei unserer Test-Leitung tatsächlichen 8 Mbit waren sämtliche Filme und Trailer schon nach wenigen Sekunden über AppleTV abrufbereit. Der Zahlungsvorgang erfolgt über den iTunes-Verkauf und lief reibungslos ab. Geliehene Filme bleiben 30 Tage zum Ansehen vorgemerkt, hat man einen Film gestartet, kann man ihn über einen Zeitraum von 48 Stunden konsumieren. Viel bequemer geht Filmschauen nicht mehr.

Die schlechte Nachricht: Die Angebotsvielfalt ist zumindest zum Start noch beschränkt. Eine Mischung aus einzelnen aktuellen Blockbustern und populäreren Streifen der vergangenen Jahre füllen das ein paar hundert Titel starke Sortiment. Zusätzlich sind Filme für Österreichische Kunden zum Großteil nur in deutscher Sprachausgabe vorhanden. Die technische Qualität kann sich bei SD-Filmen zwar mit der Qualität von DVDs messen, HD-Filme werden mit 1280x720 Bildpunkten (720p) allerdings nur halb so hoch aufgelöst wiedergegeben wie Blu-ray-Filme (1920x1080p). Für Cineasten bedeutet dies zusätzlich zur relativ starken Komprimierung erhebliche Einbußen bei der Detaildarstellung. Gleiches gilt für den Sound, wobei dies wohl nur für Besitzer einer ordentlichen Surround-Anlage eine Rolle spielt.

Viel zu teuer

Der entscheidende Knackpunkt, weshalb AppleTV bzw. iTunes als Film-Store durchfällt ist jedoch die Bepreisung der Inhalte. Leihfilme in SD-Qualität kosten zwischen 2,99 und 3,99 Euro für 48 Stunden, Leihfilme in HD kosten 4,99 Euro. Kauft man Filme über iTunes am PC, muss man für Filme in SD-Qualität bis zu 13,99 Euro einrechnen, bei HD-Filmen satte 16,99 Euro.

Damit liegen Apples Leihfilme dank des regen Wettbewerbs zwischen Videotheken preislich teils über dem Niveau von Videotheken und Apples Kauffilme preislich auf Augenhöhe mit DVDs und Blu-rays.
Das ist umso weniger zumutbar, wenn man bedenkt, dass die Online-Angebote nicht nur qualitativ schlechter sind, sondern neben der selten vorhandenen Sprachwahl auch in den seltensten Fällen zusätzliche Inhalte bieten. Für den Preis eines aktuellen Download-Films in HD erhalten Konsumenten mit ein Bisschen Umsicht bereits Blu-rays samt Zusatzinhalten und manchmal ist auch noch ein Download-Gutschein für die Download-Version inkludiert. Hinzu kommt, dass man als Kunde die Kosten für die Internetanbindung trägt, während Apple die Vertriebskosten auf ein Minimum reduziert. Hier wird wie auch schon bei Microsofts in Österreich erhältlichem Online-Service "Zune" und On-Demand-Filmen von Telekomprovidern offensichtlich mit der Bequemlichkeit der Konsumenten spekuliert. Für alle, die sich noch von ihrer Couch aufraffen können, müsste das Online-Angebot in seiner jetzigen Form um ein Vielfaches billiger sein.

Wenig Optionen

AppleTV bietet neben der Online-Videothek im Vergleich zu anderen Streaming-Boxen relativ wenig Möglichkeiten zum Mediengenuss. Internetradio und Podcasts lassen sich empfangen und die iTunes-Musiksammlung kann über das lokale Netzwerk gestreamt werden. Das klappt ebenso gut wie das Durchstöbern der Fotos auf Flickr. Die Integration des Fotodienstes ist den Entwicklern ebenso schön gelungen, wie die Einbettung der Videoplattform Youtube. Youtube unter AppleTV leidet allerdings unter zwei Gesichtspunkten: Einerseits ist die Suchbegriffseingabe per Steuerkreuz mühsam und andererseits lässt die Qualität der Videos zu wünschen übrig. Die Option, Clips in HD abzuspielen, bietet die Applikation nicht. Wie zuvor schon erwähnt, erlaubt Apple den Videostream von Filmen am PC über das lokale Netzwerk. Hierfür müssen Filme zuvor allerdings in ein spezielles, von iTunes von Haus aus unterstütztes Format (mov, mp4 und m4v - aber kein AVI, kein DivX, kein MKV) konvertiert werden. Eine externe Festplatte oder ein Blu-ray-Laufwerk lassen sich nicht anschließen. Der Micro-USB-Port auf der Rückseite ist lediglich für Wartungsarbeiten gedacht.

Fazit

AppleTV ist ein überaus gut zu bedienendes Medienzentrum, das in Sachen Nutzerfreundlichkeit kaum zu übertreffen ist. Die Menüführung ist logisch und die gebotenen Funktionen arbeiten schnell und reibungslos. Doch für 120 Euro bietet AppleTV im Vergleich zu anderen Streaming-Boxen sehr wenig. Welche Inhalte man abspielen kann, wird von Apple strikt vorgegeben. Verständlicher Weise ist es das Ziel, die Anwender mit Bezahlinhalten zu beliefern. Doch zu den derzeitigen Preisen für Leih- und Kauffilme (Letztere nur über iTunes am PC) muss man sich die Frage stellen, ob hier Early-Adopter nicht für dumm verkauft werden. Für die Bequemlichkeit eines Fernbedienungsklicks wird bei einem überschaubaren Angebot mit klar schlechterer Qualität und fehlenden Zusatzinhalten genauso viel verlangt, wie für vollwertige DVD- und Blu-ray-Filme. Diese Kritik gilt dabei ausdrücklich nicht nur Apple, sondern auch den anderen ebenso teuren heimischen On-Demand-Filmeanbietern - Telekomprovider inklusive. Denn die Realität, der sich die Anbieter stellen müssen ist, dass Konsumenten heute im Internet nicht nur kostenlose, sondern auch weitaus umfangreichere Alternativen finden - Stichwort "Tauschbörsen".  Mag sein, dass an den horrenden Preisen und der beschränkten Auswahl zu einem Großteil die Filmstudios und EU weit uneinheitliche Urheberrechtsgesetze (und aufgrund dessen individuelle Lizenzierungsmodelle) schuld sind, doch in der von Apple und Co. dargebotenen Form wird die viel gepriesene Fernsehzukunft on demand nicht stattfinden.

Wie es gehen könnte

Das soll aber nicht heißen, dass kostenpflichtige Online-Videotheken keine Zukunft haben. Bei Musik-Downloads hat Apple gezeigt, dass Konsumenten bei erschwinglichen Preisen und einem watscheneinfachen System bereit sind, auf "illegales" Filesharing zu verzichten. Was vielen Film-Angeboten fehlt, ist lediglich ein aus Sicht der Konsumenten akzeptierbares Bezahlmodell. Wie es gehen kann und könnte, zeigt etwa der US-Dienst "Netflix" oder der europäische Independent-Filmdienst Mubi. Hierbei können Kunden gegen eine monatliche Gebühr von knapp 10 Dollar bzw. 12 Euro beliebig viele Online-Filme über ihre bevorzugte Streaming-Box (in den USA auch AppleTV) ansehen - sei dies eine Spielkonsole oder ein anderes System. Damit bietet man eine echte und bequeme Alternative zu Pay-TV- und Rundfunkangeboten. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 21.11.2010)

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