Mit Reitpeitsche, Pistole und kaltem Kalkül

16. November 2010, 17:47
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Mit der erstmaligen Veröffentlichung von Ernst Jüngers "Kriegstagebuch 1914-1918" werden die Konturen jener "Sachlichkeit" sichtbar, aus denen auch die Barbarei der Nazis hervorging - eine Lektüre für Ungerührte

Wien/Stuttgart - Offenbar konnte einem Schulabbrecher und notorischen Besserwisser gar nichts Glorioseres passieren, als 1916 in den verschlammten Gräben Flanderns ein ebenso unstetes wie unwirtliches Zuhause zu finden: "Mir macht das Kriegsleben jetzt grade den richtigen Spaß, das ständige Spiel mit dem Leben als Einsatz hat einen hohen Reiz ...", schreibt Leutnant Ernst Jünger im März 1916.

"Das Leben", welches Jünger im Fall des Falles dreinzugeben verspricht, nennt der Zugsführer der 73er-Füsiliere aus Hannover "armselig". Die Mitleben sind in der Tat nichts wert. Rechts und links gehen Schwärme von Granaten auf Leutnants, Fähnriche, Gefreite, Feldwebel und Gemeine nieder. Hinterbacken werden durchpfiffen - Gesichter werden aufgerissen, Rümpfe durchschossen, Beine geknickt; Hirnmasse klebt am Grund von Granattrichtern.

Jünger, der spätere Meisterstilist von In Stahlgewittern, muss zugeben: "Allmählich erwirbt man hier anatomische Kenntnisse." Im jetzt erstmals verlegten Kriegstagebuch 1914-1918 (Klett-Cotta) sichtet ein außerordentlich wahrnehmungsfähiger Offizier das knetbare Material für künftige Heldenlegenden. Noch ist Jünger kein Dichter, sondern bloß ein großteils verhinderter Achilles: In formschön kartonierten Heften wird das Tages- und Schanzwerk trostloser Materialschlachten von ihm gewissenhaft verzeichnet. Schon jetzt ist Jünger, der passionierte Käfersammler, der Ungerührteste von allen. Für die gefallenen Kameraden setzt es die Kalenderweisheiten eines 21-Jährigen: "So streicht der Tod herum und sieht, wen er verschlinge."

Allein das Heranführen von Kompagniezügen an die brodelnde Front kostet unzählige Soldatenleben. Jüngers Mitschriften aus dem ersten Massenkrieg der Moderne, getreulich geführt bis zur Schwerstverwundung des späteren "Pour le Mérite"-Ordensträgers im August 1918, gleichen makabren Abzähltexten. Die Grenzen zwischen Front und (relativem) Hinterland verwischen. Ein Karl-May-betörter Nicht-Erwachsener verwirklicht das Projekt Heldenleben. Am ehesten zu seinem jungen, so erstaunlich stabilen Selbst gelangt Jünger, wenn er mit Reitpeitsche und Pistole über eine Brustwehr hinwegschreiten kann, um seinen Zug ins Feuer zu führen. Die Menschen rund um ihn verrecken wie die Fliegen.

Erlebnishunger im Graben

Und der Leutnant aus Hannover blickt über hastig errichtete Barrikaden voller Erlebnisdurst hinweg: Seine Sehnsucht gilt immerzu der ritterlichen Feindbegegnung. Das geradezu erotische Begehren nach "intimer" Berührung mit dem Gegenüber ist nur leider nahezu aussichtlos. Die weit verzweigten Grabensysteme in der Champagne und in Lothringen stellen große Hindernisse in jenem Verschmelzungswerk dar, das die Materialschlacht für ihre beteiligten Opfer als Erzählung von der "mystischen" Erfahrung bereithält.

Man muss Ernst Jüngers (1895-1998) Weltkriegstexte nicht zu Genietaten erklären, um in ihnen die künftige Aussichtslosigkeit des Projekts "Kriegsberichterstattung" bereits aufgehoben zu wissen.

Aus der vernichtenden Feuerwirkung industriell massengefertigter Mörser und Haubitzen geht nolens volens ein gewandelter Mensch hervor. Die ruinösen Folgen einer weitgehenden Aufhebung aller humanistischen Bindungen gipfeln im kriegsgeilen Heureka der Nazi-Diktatur. Jünger, wiewohl Hitler-resistent, verhalf sein Mangel an Empathie zu traumhaft schönen Beschreibungskunsttexten, in denen das vermeintliche Interesse für den Gegenstand jede Erwägung über die Inhumanität der eigenen Ungerührtheit überwog.

Ewige Kampfzone

Man kann es auch einfacher abmachen: Jünger, der sich Cäsars De bello gallico als Stilideal vorhielt, unterschied noch zwischen Front und Hinterland. Die Literaten der Weimarer Republik (1918-1933) brandmarkten die städtische Kultur bereits als immerwährenden Kampfplatz. Ausgebildet wurde fortan der Habitus einer "Sachlichkeit", die den drohenden angeblichen Kulturverlusten nicht anders denn quasi-militärisch, also eindämmend und verteidigend zu begegnen wusste.

Die Schriften von Kulturtheoretikern wie Klaus Theweleit ( Männerphantasien, 1979), Helmuth Lethen oder aber auch Karl Heinz Bohrer sind nichts anderes als Hinweistafeln: Mit Jünger beginnt der Abschwung der "deutschen Kultur" in die Niederungen der Barbarei. Nur schreiben konnte kaum ein anderer zeitgenössischer Autor so gut - wie Jünger. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 11. 2010)

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    foto: klett cotta
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