Gehörlose sehen besser, Blinde tasten besser

16. November 2010, 08:44
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Ausfall eines Sinnes wird von anderer Fähigkeit kompensiert - Gehörlose Erwachsene besitzen kürzere Reaktionszeit als Hörende

Wien - Der Ausfall eines Sinnes bei Menschen wird durch einen anderen Sinn teilweise kompensiert. Das beweisen zwei aktuelle Studien bei Gehörlosen und Blinden. Taube sehen besser und können auf Objekte am Rand ihres Sehfeldes weit schneller reagieren als Hörende. Blinde übertreffen Sehende hingegen deutlich in der Fähigkeit, Dinge zu ertasten.

Gehörlose holen Sehrückstand auf

Für die erste Studie, die Forscher der University of Sheffield in der Zeitschrift "Development Science" veröffentlichten, wurden gehörlose und hörende Kinder verschiedenen Alters vor eine mit 96 kleinen Lichtern ausgestattete Halbkugel gesetzt. Sie sollten sich auf einen Ring im Zentrum konzentrieren, in dem zugleich eine Kamera zur Augenbeobachtung installiert war. Die Lichter leuchteten nach dem Zufallsprinzip kurz auf und die Aufgabe lautete, mit einem Joystick möglichst schnell deren Position anzugeben.

Der Text offenbarte deutliche Altersunterschiede. Taubgeborene Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren reagierten langsamer als sehende Gleichaltrige, Elf- bis Zwölfjährige lagen gleichauf. Im Jugend- und Erwachsenenalter waren die Gehörlosen den Hörenden in der Reaktionszeit eindeutig überlegen. Das deutet laut der Studienleiterin Charlotte Codina auf eine besondere Reifung des Sehens bei Gehörlosen. "Eltern gehörloser Kinder sollten jedoch auch wissen, dass die Reaktionszeit bei Gehörlosen Kindern etwa im Straßenverkehr länger ist", so die Forscherin.

Vorteil für bestimmte Berufen

Für erwachsene Gehörlose könnte dies jedoch auch Vorteile bedeuten, etwa in Berufen, in denen schnell auf Situationen reagieren muss oder viele Aktivitäten abdeckt. Codina nennt Schiedsrichter, Lehrer oder die Videoüberwachung als Beispiele. Wolfgang Gams vom Österreichischen Gehörlosenbund ergänzt, dass in einer ganzen Reihe von Berufen die visuelle Wahrnehmung besonders entscheiden. "Das ist zum Beispiel in der Architektur, darstellenden Kunst, Bildhauerei, Malerei, Theater, Film, Video, Regie, Schauspiel und in der Moderation, aber auch in Pädagogik und in der Gebärdensprache der Fall", so der Experte.

Sehsinn und visuelle Wahrnehmung sind bei Menschen ohne intaktem Hörsinn allgemein intensiver, betont Gams. "Die Augen werden kaum von Höreindrücken gestört oder abgelenkt, was bei der Wahrnehmung durchaus ein Vorteil sein kann." Zurück gehen dürfte dies auf die Lernentwicklung und Umbildung des Gehirns. "Man darf aber nicht vergessen, dass Gehörlose auch sehr gut spüren und Situationen erfassen können, ohne Inhalte zu hören."

Blindgeborene sind Meister der Blindenschrift

Erst vor wenigen Wochen präsentierten Forscher um den Kanadier Daniel Goldreich von der McMaster University ein sehr ähnliches Ergebnis, allerdings bei Blindgeborenen. Laut ihrer Studie, die im "Journal of Neuroscience" veröffentlicht wurde, verarbeiten Blinde haptische Informationen - also jene des Tastsinns - deutlich schneller als Sehende oder Personen, die das Augenlicht erst später verloren haben. Wer von Geburt an blind ist, ertastet daher Blindenschrift am besten.

Die Wissenschaftler liefern dafür zwei mögliche Erklärungen. Entweder hat das lebenslange Erlernen von Blindenschrift die Sensibilität deutlich erhöht - oder das Gehirn nutzt Teile des Sehzentrums, um Informationen von anderen Sinnen zu verarbeiten. (pte)

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