Lungenkranke leben in Zwei-Klassen-Medizin

16. November 2010, 10:30
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Unzureichender Zugang zu Diagnose, Reha und Behandlung bei COPD - Krankenkassen honorieren Therapieprogramm nicht

Wien/Hattingen - Nur reiche Menschen, die an der Lungenkrankheit COPD (chronic obstructive pulmonary disease, auch "Raucherlunge") erkranken, profitieren vom medizinischen Fortschritt. Diese Kritik äußern Lungenfachärzte und Patientenvertreter anlässlich des COPD-Tages am 17. November. "Wer als COPD-Patient etwa seine Rehabilitation nicht privat bezahlen kann, muss auf die wirksamste Therapie verzichten. Das bedeutet mehr Krankheitsschübe, Spitalsaufenthalte und Atemnot, ein geringerer Bewegungsradius, schlechte Lebensqualität, mehr Depressionen und kürzeres Leben", betont Hartmut Zwick, Leiter des Instituts für Pulmologische Diagnostik und Rehabilitation.

Kassen verkennen Chance der Rehabilitation

Die effektivste Maßnahme gegen COPD ist immer der Rauchverzicht. Darüber hinaus können Medikamente die Entzündung stabilisieren, während bei akuten Verschlechterungen eine stationäre Spitalsbehandlung nötig ist. Um mit bleibenden Narben in der Lunge und den Alltagsbeschwerden zurechtzukommen, braucht es aber das langfristige eigenverantwortliche Umgang der Patienten mit der Krankheit, betont Zwick. "Das kann am besten durch ambulante Rehabilitation erfolgen. Diese läuft nach einem genau definierten Therapieprogramm ab und umfasst Patientenschulung, Rauchentwöhnung, Training und Diätberatung."

Diese ambulante Rehabilitation, die neun bis zwölf Monate dauert, verbessert die Sauerstoffausnutzung, Ausdauer und Muskelkraft. Damit verringern sich Krankenhaustage, Medikamentenverbrauch und auch Depressionen drastisch, sogar eine deutliche Verlängerung der Lebenszeit ist nachweisbar. Von den Krankenkassen wird das Programm jedoch nicht honoriert. "Alle reden über Kürzung der Spitalstage, doch gelingt das nur durch Mechanismen, die dies begünstigen. Indem Rehabilitation von der Zahlungsfähigkeit abhängt, fördert man zudem die Mehrklassen-Medizin", kritisiert der Wiener Lungenfacharzt. Bedenklich sei dies, da COPD besonders Einkommensschwache betrifft.

Erschwerter Zugang zur Diagnose

Je früher die COPD-Diagnose, desto effektiver und günstiger die Behandlung. Doch auch hier gibt es noch viele "Baustellen", betont Otto Spranger von der Lungenunion. "Die Lunge ist noch immer nicht Teil der Vorsorgeuntersuchung. Zudem bekommen Hausärzte den Lungenfunktionstest nicht voll rückerstattet." Auch weitere Forschung sei nötig, da oft nur ältere Asthmamittel im Einsatz sind. "Für die höhere Therapietreue braucht es Medikamente, die man täglich nur einmal nimmt und die sich gut kombinieren lassen." Zwei neue derartige Ansätze - der Entzündungshemmer Roflumilast und der Atemwegs-Erweiterer Indacaterol - werden ebenfalls nicht rückerstattet.

Einige der Kritikpunkte sind in Deutschland bereits umgesetzt - so bieten etwa die Kassen den COPD-Patienten im Rahmen des "Disease-Management-Programms", "Cura-Plans" oder ähnlichen Programmen freiwillige Schulungen. "Ambulante Behandlungen gibt es an wenigen Zentren, doch die Bewilligung ist langwierig", berichtet Jens Lingemann, Leiter der Koordinationsstelle Lungenemphysem-COPD Deutschland. Kleine Lungenfunktions-Messgeräte gibt es auch beim Hausarzt, Teil der Vorsorgeuntersuchung ist der Lungentest jedoch nicht. "Auch die Finanzierung der Rauchentwöhnung kommt erst langsam ins Gespräch", so der Hattinger COPD-Experte.

Husten, Atemnot und Auswurf

COPD ist weltweit die vierthäufigste Todesursache und betrifft alleine in Österreich 400.000 Menschen. Die Krankheit stellt sich schleichend ein, berichtet Zwick. "Sie beginnt etwa im 40. Lebensjahr mit Husten, der stärker wird und immer mehr Auswurf beinhaltet. Irgendwann stellt der Arzt COPD fest, wonach jedoch die wenigsten mit dem Rauchen aufhören. Schließlich kommt die Atemnot dazu, zuerst nach dem Stiegensteigen in den zweiten Stock, dann in den ersten." Der fehlende Atem wird zum wichtigsten Problem, da er den Aktionsradius einschränkt. "Das Tragen des Einkaufssackes geht nicht mehr, dann das Verlassen der Wohnung, schließlich sogar das Anziehen oder Duschen."

Rauchen, Passivrauch und andere Atemgiftstoffe führen bei COPD zum Verlust von Flimmerhärchen in der Lunge, die Schleim abtransportieren. "Der verbleibende Schleim führt zu chronischen Entzündungen der Bronchien und deren Verengung. Dieser Prozess ist nicht reversibel", betont der Wiener Lungenmediziner Norbert Vetter. Nicht reversibel sind auch Emphyseme, oft auftretende, gleichzeitige Zerstörung von Lungenbläschen. Da sie eine Unterversorgung mit Sauerstoff nach sich ziehen, sind auch andere Organe wie Herz und Hirn betroffen. "49 Prozent der COPD-Patienten sind zugleich herzkrank, 42 Prozent haben Bluthochdruck und auch Diabetes, Osteoporose und Depressionen sind häufiger", so der Experte.  (pte)

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    Rauchverzicht ist die wichtigste Maßnahme gegen COPD

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