In Gottes Namen?

15. November 2010, 15:22
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Religion ist eine private Beziehung zwischen Gott und dem Individuum. Diese Beziehung hat niemanden und schon gar nicht den Staat zu interessieren

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) zittert um ihre Legitimation. Um ihre Position zu stärken, ist den Brüdern offenbar jedes Mittel Recht. So erlauben sie sich merkwürdige Wege einzuschlagen. Wege die zumindest in einer Demokratie keinen Platz haben sollten.

Derzeit kann die IGGiÖ eine sehr kleine Zahl an Mitglieder vorweisen, die in keiner Relation zu den Förderungen steht, die die IGGiÖ am Leben erhalten. Nur ca. 0,2 Prozent aller Muslime in Österreich sind Mitglieder der IGGiÖ.

Laut Innenministerium leben in Österreich ca. 500.000 Muslime. Ich wage zu behaupten (da ich zu dieser Menge gehöre), dass der Großteil der muslimischen Bevölkerung in Österreich wie die Mehrheit der Katholiken (oder auch Andersgläubige) in diesem Land, Religion für etwas privates halten und kein Bedürfnis danach haben die Religionsausübung zur Schau zu stellen.

In seiner Legitimationsnot schlägt allerdings die IGGiÖ neue Wege ein und schreckt auch nicht davor zurück auf die Muslime Druck auszuüben und sie zu einer Mitgliedschaft zu zwingen. Und das in einem europäischen Land, das Religionsfreiheit in seiner Verfassung verankert hat.

Religion war mein ganz persönlicher Migrationsgrund als ich im Jahr 1980 knapp nach Errichtung des islamischen Staats in meiner Heimat Iran nach Österreich emigrierte. Ich bin nach Europa ausgewandert, in jenen Erdteil, in dem die Werte der Europäischen Aufklärung gelebt werden. Jene Werte, die die persönlichen Freiheiten (wie etwa das Recht auf freie Religionsausübung) per Verfassung garantieren. Ich bildete mir ein, dass ich durch die Emigration dem religiösen Fanatismus, der in meiner Heimat Iran an die Macht kam, entkommen bin.

Offen und neugierig begann ich mich durch das Leben in Österreich zu tasten. In den 1980ern führte Religion im urbanen Wien ein Schattendasein. Diese Erkenntnis war für mich eine große Erleichterung. Ich fühlte mich frei und beschloss das Kapitel Religion für immer zu schließen und ab da an "ohne Religionsbekenntnis" zu leben. Ich trug fortan in allen meinen Dokumenten im Feld Religion "ORB" ein.

Doch schleichend wurde ich mir der Einfluss der der herrschenden Religion - der katholischen Kirche - in Österreich bewusst. In aller Unschuld fragte mich meine kleine Tochter nach dem ersten Tag im Gemeinde-Kindergarten, ob ich ihr das Jausenbrot eingepackt habe. Natürlich, antwortete ich. Sie war beruhigt und erzählte mir voller Enthusiasmus, dass sie sich (auf Aufforderung der Kindergarten-Tante) bei Gott für das Brot bedanken müsste, obwohl sie sich sicher war, dass ich ihr das Brot eingepackt hatte.

Ich könnte noch viele ähnliche, kleine Begebenheiten schildern, die mein Österreichbild allmählich verrückten. Nie wurde ich aber in meinem persönlichen Umfeld als Muslima wahrgenommen. Bis zum September 2001. Auf einmal war ich sogar eine gefragte Muslima. Die Einladungen zu Podiumsdiskussionen über Islam und Muslime mehrten sich. Anfangs verwunderten mich gerade jene Freunde, die mich und meine Einstellung zur Religion lange kannten. Gerade sie luden mich als Muslima zu Podiumsdiskussionen ein, um der aufgebrachten Gesellschaft ein anderes Muslimbild zu präsentieren. Allmählich wurde mir bewusst, dass mir niemand zu keiner Zeit das "ORB" abgenommen hatte. Ich war in den Augen der "anderen" immer eine Muslima.

Seit 2001 ist Islam das erklärte Feindbild der westlichen Kultur. Die Massenhysterie verursachte in mir eine Trotzreaktion. Unbewusst frischte ich nach und nach mein Wissen über Islam wieder auf. Die Analyse von Amin Maalouf, wonach Menschen die Tendenz haben, den Teil ihrer Identität der am meisten angegriffen wird, besonderes zu schützen, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

Mittlerweile bekenne ich mich zum Islam. Allerdings verstehe ich die Religion als eine private Beziehung zwischen Gott und dem Individuum. Dieser Beziehung hat niemanden und schon gar nicht den Staat zu interessieren.

Nach mittlerweile 30 Jahren werde ich in Österreich mit fragwürdigen Methoden konfrontiert, mit denen die IGGiÖ Muslime unter Androhung von Sanktionen zu registrieren versucht. Warum es notwendig ist, die Muslime zu registrieren und was dann anschließend mit diesen Daten passieren wird, ist offen.

Dass irgendwann der eine oder andere Geheimdienst sich diese Daten bedienen kann, kann aufgrund der Geschehnisse der letzten zehn Jahren nicht ausgeschlossen werden. Offiziell möchte die IGGiÖ nur ihren Anspruch "Vertreter aller Glaubensbrüder" (und vielleicht auch Glaubensschwestern) in Österreich zu sein, verfestigen. Als ob es nicht genügt, dass Herr Shakfe und seine Sprecherin Frau Baghayati (für die heimischen Medien die Verkörperung der muslimischen Frau schlechthin), ständig in der Öffentlichkeit im Namen aller Muslime reden.

Ich möchte behaupten, dass das Gros der Muslime in Österreich sich nicht mit der IGGiÖ identifiziert. Tausende muslimische Frauen, die von der Öffentlichkeit aufgrund fehlenden Kopftuchs  nicht auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert werden, sind der beste Beweis dafür.

Es ist an der Zeit, dass auch die Medien wahrnehmen, dass es jenseits der Klischees Muslime gibt, ohne Kopftuch, ohne Bart und ganz ohne das Bedürfnis ein Minarett haben zu wollen.

Zohreh Ali Pahlavani lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Wien.

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