Islamdebatte: Der Westen gefährdet seine Stärken

14. November 2010, 21:13
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Während die Islamisten auf breiter Front eine Eroberung der Grundlagen der Geisteswissenschaften planen, nehmen die politischen Führer des Westens den Human- und Geisteswissenschaften die Luft

Der 18. November ist der "Welttag der Philosophie". Dazu haben sich die islamistischen Machthaber im Iran schon vor geraumer Zeit etwas einfallen lassen. Sie veranstalten in Teheran einen "Weltkongress der Philosophie" - ursprünglich mit dem Segen der Unesco in Paris, deren Spitzen diesen Plan ganz super fanden.

Vor kurzem hat sich die Unesco zurückgezogen - nach heftigen Protesten und Warnungen aus westlichen, aber auch asiatischen Universitäten. Alessandro Topa, Professor an der American University in Kairo, hat die Planung und die Programmierung des Kongresses nun in der Neuen Zürcher Zeitung eine "Enteignung der Philosophie" genannt. Seine Begründung: Bei diesem Kongress werde versucht, Philosophie im Sinne des extremen Islam neu zu definieren. Einer der spirituellen Berater des Präsidenten Ahmadi-Nejad formulierte das so: Diese neue Philosophie sei "eine Antwort auf vom Ausland importierte Zweifel".

Während die Islamisten also auf breiter Front eine Eroberung der Grundlagen der Geisteswissenschaften planen, nehmen die angeblich so abwehrbereiten politischen Führer des Westens den Human- und Geisteswissenschaften die Luft. Auch in Österreich. Hier will man bei den Kürzungen vor allem jene außeruniversitären Institute treffen, die sich der Philosophie, der Soziologie, den politischen Denkrichtungen, den interkulturellen Entwicklungen widmen. Das heißt, man schwächt genau jene, die den "Zweifel" pflegen und die Kritik.

Dahinter steckt eine unausgesprochene und vielleicht auch unbewusste Haltung: "Uns Politikern geht es besser, wenn wir Kritik und Zweifel erst gar nicht unterstützen. Schon gar nicht über wissenschaftliche Initiativen." Und die Ministerin, die offenbar trotz ihrer Uni-Karriere die Bedeutung der Geistes- und Humanwissenschaften noch nicht begriffen hat, tut da mit. Respekt vor so viel Ignoranz.

Österreich steht nicht allein. Die bereits seit Jahren andauernde Zurückdrängung der Geisteswissenschaften hat jetzt auch die konservativ-liberale Regierung Großbritanniens forciert. Das Budget der Lehre in den geisteswissenschaftlichen Fächern der staatlichen Unis wurde laut Presseberichten von sieben Milliarden Pfund auf vier Milliarden gekürzt. Weitere EU-Staaten folgen.

Während also der Westen dabei ist, seine geistigen Grundlagen zu ruinieren, greift die iranische Führung überall an. Nicht nur in der Atomfrage. Daniel Pipes (www.danielpipes.org), ein prominenter US-Islamkritiker, warf dem Westen vor: "Hier ist die Islamdebatte zu primitiv. Unsere Probleme bestehen doch nicht aus Minaretten und Kopftüchern. Das ist eine Phantomdebatte. An den eigentlichen Problemen wird vorbeidiskutiert. Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um die Vorzüge der westlichen Zivilisation zu verteidigen, und dabei die Herzen der moderaten Muslime gewinnen. Nicht Hysterie und Misstrauen streuen."

In der österreichischen Budgetwirklichkeit gelten andere Regeln, nämlich der Vorrang der Wählermehrheiten und der Machtgruppen. Denn Philosophie, was ist das? Für Politiker offenbar nur ein Hobby. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 15.11.2010)

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