Der Verleger als Magnet

4. Mai 2003, 20:04
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Büchermacher Kurt Wolff entdeckte den Doktor Kafka und Doktor Schiwago. Eine Ausstellung der "Alten Schmiede" im Rathaus

Der Büchermacher Kurt Wolff entdeckte für seine Verlage den Doktor Kafka und Doktor Schiwago. Zu Beginn einer Verlagsserie in der "Alten Schmiede" zeigt das Rathaus Wolffs Buchreihe "Der jüngste Tag".


Wien - In der letzten Oktoberwoche 1963 wird der Verleger Kurt Wolff, der nach zwei Jahrzehnten im New Yorker Exil nach Deutschland zurückgekehrt war und sich auf dem Weg zu einer Tagung der Gruppe 47 befand, in Marbach von einem Lkw erfasst und getötet. Eine entsetzliche, eine genuin expressionistische Todesart: Die Literatur, als deren Entdecker und Verleger Kurt Wolff allgemein firmiert ("Es wurde mein verhasster Ruhm, Verleger des Expressionismus zu sein") ist voll mit solchen Katastrophen, von Gedichten Georg Heyms bis zum Schlusssatz von Franz Kafkas Das Urteil, beide verlegt in Kurt Wolffs 1913 in Leipzig gegründeter Buchreihe Der jüngste Tag.

Diese Bücher sind nun im Rathaus ausgestellt (bis 23. 5.): "Beseelte Verleger. Kurt Wolff 1913-1930". Die schönen Bände stammen aus der Sammlung von Josef Smolen, im bürgerlichen Beruf Rheumatologe am AKH, im unbürgerlichen ein Sammler, der soeben auch eine Bibliografie von Wolffs Reihen vorlegte.

Warum Der jüngste Tag? Kurt Wolff, der auf alle so vornehm Wirkende, hatte 1912 seine Bibliothek aus zwölftausend Bänden versteigern lassen, um mit dem Erlös seinen hemdsärmeligen, kraftstrotzenden Kompagnon Ernst Rowohlt auszubezahlen und den Verlag selbst zu führen. Er wollte in einer Buchreihe die Gegenwartsliteratur veröffentlichen. Ein Risiko.

Seine Berater - von Kurt Pinthus und Franz Werfel bis zu Max Brod - waren selbst alle jung (Durchschnittsalter: 23 Jahre). Erfolgreiche Reihen - allen voran diejenige von Reclam - gab es schon, doch die waren viel billiger und riskierten keine Gegenwart. Auch war das Wort "neu" noch nicht so modisch wie heute, Bewährtes, Abgesichertes vor 1914 noch als Maß.

Franz Werfel, damals Wolffs Lektor, ging in der Werbung für Der Jüngste Tag (Sammlung neuer Dichtungen) aber in die Offensive: Nur Literatur als entfesselte Expression sollte zählen; für den "neuen Dichter" gebe es "keine Reminiszenz, denn er wird fühlen, wie wesenlos die Retrospektive auf die Literatur ist. Die Welt fängt in jeder Sekunde neu an - lasst uns die Literatur vergessen!" So startete dieses Literaturprogramm.

Kurt Wolff, der über ein unbestechliches Qualitätsgefühl verfügte, vergaß die Literatur natürlich nie. Um ihn und seine - nur schlicht aufgemachte - Reihe sammelten sich Georg Trakl, Franz Kafka, Georg Heym, Oskar Kokoschka. Ein Verlag als Magnetfeld. Vielleicht gibt es das heute nicht mehr. Vielleicht aber doch, in kleinen Verlagen.

Insofern ist es gut, dass die Ausstellung auch eine Serie in der Wiener "Alten Schmiede" eröffnete. In den nächsten Wochen stellen dort österreichische Verleger ihre Programme vor (heute, Montag: Max Droschl). Vielleicht einmal sogar mit wirtschaftlichem Erfolg: Kurt Wolff landete in seinem Exilverlag mit Pasternaks Doktor Schiwago einen Welterfolg. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.5.2003)

Von
Richard Reichensperger
  • Die Eleganz des Verlegers Kurt Wolff (1887-1963), hier mit seiner ersten Ehefrau Elisabeth, bestach
    foto: wagenbach

    Die Eleganz des Verlegers Kurt Wolff (1887-1963), hier mit seiner ersten Ehefrau Elisabeth, bestach

  • Schlicht gestaltete Bücher in kühn gestalteter Sprache: 
Hier die Erstausgabe von Franz Kafkas "Die 
Verwand- 
lung" in Kurt Wolffs berühmter Reihe "Der jüngste Tag"
    foto: wagenbach

    Schlicht gestaltete Bücher in kühn gestalteter Sprache: Hier die Erstausgabe von Franz Kafkas "Die Verwand- lung" in Kurt Wolffs berühmter Reihe "Der jüngste Tag"

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