Auf diplomatischem Parkett

12. November 2010, 18:01
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Lange musste "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker darauf warten, mit seinem Blatt einmal ins Rampenlicht der "Kronen Zeitung" zu gelangen, und endlich - Allah ist groß! - ist es ihm gelungen.

Lange musste "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker darauf warten, mit seinem Blatt einmal ins Rampenlicht der "Kronen Zeitung" zu gelangen, und endlich - Allah ist groß! - ist es ihm gelungen. Er konnte die Vorfreude kaum zügeln. Zu den alten internen Regeln der "Presse"-Redaktion gehört es, dass Interviews nicht in derselben Ausgabe kommentiert werden. Der bewusste Regelverstoß, den dieser Kommentar darstellt, ist die unmittelbare Reaktion auf einen Regelverstoß des Interviewpartners, und war Mittwoch gleichzeitig Ausdruck der Vorfreude, endlich einmal die Aufmerksamkeit Michael Jeannées mit etwas anderem als seinem Stil zu erregen. Wenn "Die Presse" einem Botschafter die Chance gibt, gegen jede diplomatische Usance zu agieren, ja den von Natur aus vielleicht eher Schüchternen geradezu nötigt, ihr die Chance zu geben, gegen alte interne Regeln zu verstoßen, dann kann das beim Kleinformat, das als Muster beinahe schon gutmenschlicher Korrektheit traditionell jeden Regelverstoß unerbittlich ahndet, nur Abscheu erregen. Schon mit seiner Einschätzung, dafür gebührt ihm - dem türkischen Botschafter - unser aller Dank, kam Fleischhacker nicht gut an. Kaum hatte "Die Presse" die Bananenschale auf dem diplomatischen Parkett placiert, konstatierte man im nationalen Tröpferlbad eine Welle der Empörung in ganz Österreich, noch ehe Gelegenheit war, eine solche zu erzeugen. Seiner Exzellenz wurde umgehend Dank vom Hause Dichand zuteil: Türkei-Botschafter muss sofort weg! lautete wenig überraschend die Parole.

Sollte "Die Presse" geplant haben, mit der Aussicht auf Gratiswerbung in der "Krone" künftig öfter Diplomaten zu einem kleinen Regelverstoß einzuladen, schob das sich solcherart instrumentalisiert wähnende Kleinformat dieser Hoffnung sofort einen Riegel vor. Vom Titelblatt bis zu den Leserbriefen stieß Fleischhackers Forderung, die Mesalliance zwischen der regelverstoßenden "Presse" und ebensolchen Diplomaten erheische unser aller Dank auf harsche Ablehnung.

Eröffnet wurde sie vom Außenpolitiker der "Krone", dem es als emotionellem Bademeister oblag, die Welle der Empörung in Österreich über das beleidigende Schwadronieren des türkischen Botschafters über unser Land in einem offiziellen Interview für die Tageszeitung "Die Presse" aufrauschen zu lassen. Ob ihm das auch bei einem nicht- offiziellen Interview gelungen wäre? So aber half ihm das Offizielle, sich offiziell als die Stimme ganz Österreichs erkennen zu geben: Die Reaktionen der Spitzenpolitiker ließen an Deutlichkeit keinen Zweifel: Nach diesem Eklat muss dieser Botschafter weg!

Klar, lässt er doch den ganzen Elan, mit dem sich die "Krone" schon vor seinem Interview für den Beitritt der Türkei zur EU stark gemacht hat, mit einem Schlag verpuffen. Daher die Frage berechtigter Empörung: Ist dieser Botschafter völlig durchgeknallt, oder ließ er nur wissen, was seine Regierung in Ankara denkt, aber selbst nicht sagen will? Es war jedenfalls ein Schuss ins Knie. Denn dem türkischen Bemühen, die Österreicher von einer EU-Mitgliedschaft des Landes am Bosporus zu überzeugen, hätte man keinen größeren Bärendienst erweisen können. Die "Krone" wäre fast schon überzeugt gewesen.

Zutiefst enttäuscht, wie rasch ein Schuss des türkischen Botschafters ins Knie der Türkei eine Welle der Empörung in Österreich ausgelöst hat, konnte Jeannée nicht anders als das Agrément des Durchgeknallten auf Exzellenz mit einem (?) herabzustufen. Auch wenn der bisweilen kauzig-seltsame "Presse"-Chefredakteur schier blind vor Glück über seinen "Türken-Knüller" leitartikelnd davon faselt, dass Ihnen . . . "unser aller Dank" gebühre, glaubt Jeannée nicht mehr an eine gute Zukunft des Ambassadeurs in Wien. Daher Selam, grüß Gott und auf Nimmerwiedersehen.

Auch Marga Swoboda hat der "Türken-Knüller" zu Visionen des diplomatischen Grauens verholfen. Wie dieser Mann punktgenau jenen Menschen schadet, die mit ihren türkischen Wurzeln längst in Österreich geerdet sind, lastet schwer auf der Tränendrüse der Kolumnistin - weil jetzt (wieder) viele Menschen ganz pauschal sauer sind auf ALLES TÜRKISCHE. Und wie eine Löwin nimmt sie meinen türkischen Schlüsseldienst-Mann und die türkische Ladenfrau in Schutz. Die können ja nichts dafür, wenn ein Ambassadeur durchknallt.

Die lyrischen und prosaischen Ergüsse der Gewohnheitstäter am freien Wort Zach und Pestitschek waren erst die Vorboten gewaltiger Kruzitürken-Wellen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 13./14.11.2010)

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