"Einzige Lösung ist ein Nachfolgevertrag zu Bretton Woods"

12. November 2010, 18:00
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Der Anfang ist gemacht: Die G-20 haben in Seoul die richtigen Diskussionen gestartet, sagt Heiner Flassbeck, Chefökonom der Uno-Welthandelsorganisation

Der Anfang ist gemacht: Die G-20 haben in Seoul die richtigen Diskussionen gestartet, sagt Heiner Flassbeck, Chefökonom der Uno-Welthandelsorganisation. Warum die Welt ihre Hoffnungen in die USA setzen sollte, erzählte er András Szigetvari.

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STANDARD: Die G-20 haben sich nur auf eine allgemeine Erklärung zum Abbau von Handelsungleichheiten geeinigt. Sind sie gescheitert?

Flassbeck: Nein. Sie haben einen vernünftigen Diskurs gestartet. Man wird sich jetzt fragen müssen, an welchen Kriterien die globalen Ungleichgewichte festgemacht werden. Es reicht nicht aus, so wie bisher nur über Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse zu reden. Auch über die Unter- und Überbewertung von Währungen und ihre Ursachen muss gesprochen werden. Bisher wurde nur wegen des nominalen Wechselkurses des chinesischen Yuan gestritten. Der hat aber eigentlich keine Bedeutung, weil es um reale Wechselkurse, die auch das Lohnniveau abbilden, geht.

STANDARD: Klingt sehr positiv.

Flassbeck: Die Diskussionen in Seoul haben die USA angestoßen. Sie haben zum ersten Mal in 30 Jahren Bereitschaft gezeigt, über eine multilaterale monetäre Ordnung zu reden. Das ist ein Fortschritt. Bisher wurde in Washington nur gesagt, China solle seinen Wechselkurs dem Markt überlassen. Dabei hat man gesehen, dass die Wechselkurse an den Märkten in die falsche Richtung gehen. Der Währungskrieg hat seinen Ausgang in Brasilien genommen. Aber nicht weil Brasilien interveniert hat, sondern weil der Markt den Kurs des Real nach oben treibt, obwohl das Land eine hohe Inflation hat und eigentlich eine Abwertung braucht. Deswegen hat Brasilien schließlich eine Zuflusssteuer erhoben und interveniert.

STANDARD: Sie schlagen dirigistische Maßnahmen vor: Weg vom Markt, hin zu geregelten Kursen?

Flassbeck: Was heißt hier dirigistische Maßnahmen? Wenn man einen Markt hat, der versagt, weil er die Preise in die falsche Richtung drückt, geht es nicht um dirigistische Maßnahmen. Es geht darum, die Wechselkurse vernünftig festzulegen und damit die Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Volkswirtschaften auszugleichen.

STANDARD: Davon sprechen die G-20-Länder aber noch nicht?

Flassbeck: Aber das ist es, was man tun muss. Der untragbare Teil der Handelsungleichgewichte stammt von der Über-, und Unterbewertung von Währungen. Man muss versuchen, die realen Wechselkurse relativ konstant zu halten, um unhaltbare Ungleichheiten zu vermeiden. Die einzig realistische Lösung ist ein Nachfolgeabkommen zu Bretton-Woods.

STANDARD: Welches Interesse hätte China teilzunehmen, sie fahren mit ihrer Währungspolitik sehr gut.

Flassbeck: Sie fahren nicht gut, weil sie dauernd kritisiert werden. China ist offen für eine multilaterale Lösung. Sie haben sich nur zu Recht gegen das einseitige Chinesen-Bashing verwehrt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2010)

HEINER FLASSBECK ist Chefökonom der UN-Organisation für Welthandel (UNCTAD). Davor war er Staatssekretär unter Finanzminister Oskar Lafontaine.

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    Heiner Flassbeck: "Die USA haben zum ersten Mal in 30 Jahren Bereitschaft gezeigt, über eine multilaterale monetäre Ordnung zu reden."

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