Kampf gegen Ungleichheit

12. November 2010, 17:11
1 Posting

Wie Peking hunderten Millionen von Chinesen dauerhaft aus der Armut helfen kann

Eines der wichtigsten neuen Ziele im kürzlich vorgestellten Fünfjahresplan der chinesischen Führung besteht darin, die Wachstumsrate des (verfügbaren) Einkommens der Privathaushalte zu steigern. Sie soll der BIP-Wachstumsrate des Landes angeglichen werden. Der Grund: In den vergangenen zehn Jahren hat das Einkommen der chinesischen Privathaushalte langsamer zugenommen als das BIP, wodurch sein Anteil am Gesamtnationaleinkommen immer geringer wurde.

Facharbeiter, Ingenieure und Angestellte im Finanzsektor haben zwar höhere Lohnzuwächse erhalten. Bevölkerungsteilen mit weniger Bildung wie Wanderarbeitern und Landwirten ist es jedoch wesentlich schlechter ergangen. Das im Fünfjahresplan niedergelegte Ziel ist daher auch eine politische Erklärung, diese sozialen Unterschiede zu bekämpfen, die derzeit eine brennende Frage für das Land darstellen.

Das grundlegende Problem ist jedoch, dass Entwicklung nicht über Nacht stattfindet. Dreißig Jahre rapides Wachstum haben nur die Hälfte der chinesischen Landwirte (ungefähr 200 Millionen Menschen) im Industrie- oder Dienstleistungssektor untergebracht, wo sich ihre Löhne verdoppelten. Doch mindestens 150 Millionen weitere Landwirte strömen immer noch auf den Arbeitsmarkt und konkurrieren um höher bezahlte Arbeitsplätze.

Die alte Generation von Landwirten bleibt vielleicht an Ort und Stelle, die jüngeren Generationen werden aber weiterhin vom Land abwandern und damit einen scheinbar unerschöpflichen Nachschub an Arbeitskräften schaffen, der die Löhne für Arbeiter mit geringer Bildung in allen Industrien und Dienstleistungsbereichen drückt. Tatsächlich könnte sich die Lage für ein bis zwei weitere Jahrzehnte verschlechtern, bevor es besser wird.

Zuletzt hat die Zentralregierung in Peking ihre Ausgaben für die Bildung (in den Pflichtschulen) und die Armutsbekämpfung auf dem Land erhöht, und die Kommunalverwaltungen haben Bestimmungen geändert, damit der Mindestlohn in allen 30 Provinzen um 20 bis 30 Prozent steigt. Fortgesetztes Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen stellen in der Tat die einzige wirkliche Lösung dar, um hunderten Millionen von Chinesen dauerhaft aus der Armut zu helfen. (Copyright: Project Syndicate. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2010)

FAN GANG ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Peking und der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften.

Share if you care.